Die Anfänge des jüdischen Staates

Tom Segev, Die ersten Israelis

Selbst hier bei uns gab’s seinerzeit so etwas wie einen Israel-Mythos, besonders nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967. Schon die Gründung des Staates (1948), der Unabhängigkeitskrieg – das alles wurde verstanden als eine Art Wunder, ein Sieg gegen übermächtige Gegner und Umstände, erzielt von einem Staatswesen europäischer Machart, jedoch mit reiner Tugendhaftigkeit. Wir glaubten das, und zwar aus einem einfachen Grund: weil wir’s glauben wollten. Wir hätten wissen müssen, dass es so nicht sein konnte.

Inzwischen hat sich viel getan, wir haben sehr viel Wasser in unseren Wein gegeben, und an unseren Idealismus erinnern wir uns nicht gar so gerne. Der israelische Historiker Tom Segev ist den damaligen Hoffnungen und Enttäuschungen nachgegangen, sechzig Jahre nach der Staatsgründung, nun aber mit Zugang zu Archiven sowie zum Tagebuch des Gründervaters und ersten Ministerpräsidenten David Ben-Gurion. Was er zu berichten hat, ist trotz aller zeitlichen Distanz ein weiteres Mal ernüchternd.

Mit der Ausrufung des souveränen Staates Israel ergab sich sofort und unausweichlich das Problem der arabischen Menschen auf dem neuen Staatsgebiet. Wer sich modernen, sozialistisch inspirierten Gleichheits- und Integrationswillen erwartet hatte, wurde enttäuscht. Von Anfang an wünschten die führenden Politiker nur eines: dass die Araber verschwinden mögen. In der Vision eines jüdischen Staates konnten sie bloß stören. Kein Wunder, dass kräftig nachgeholfen wurde, um den Wunsch zu erfüllen, auch mit brutalen Mitteln. Trotzdem blieben viele und bildeten eine beträchtliche Minderheit im Lande – ein schwelender Konflikt bis heute.

Nach Ende des Unabhängigkeitskrieges kamen unzählige Einwanderer ins Land. Zunächst wurden sie eifrig angelockt: Israel brauchte dringend Menschen. Doch führte die Masseneinwanderung zu neuen Problemen. Die Neuankömmlinge wurden in Lager gesteckt, ihre Lebensbedingungen spotteten jeder Beschreibung, von Willkommen keine Spur. Das galt besonders für die zahlreichen Einwanderer aus Nordafrika. Hier tat sich eine tiefe kulturelle Kluft auf – wenn nicht gar eine rassistische. Die Aschkenasim, also die europäischen Juden, betrachteten diese Sephardim, wie sie zunächst behelfsmäßig bezeichnet wurden, mit äußerstem Misstrauen, ja sogar Furcht: Denn Israel sollte ein aufgeklärter, sozialer (wenn nicht gar sozialistischer) Staat werden. Wie Tom Segev in seinem Werk über das Jahr 1967 gezeigt hat, sorgten diese Mizrachim – so wurden sie zwanzig Jahre später genannt – immer noch für Spannungen, Ängste, Konflikte.

Weitere Konflikte kamen nach der Staatsgründung hinzu, so etwa mit aggressiven Zionisten, aber auch mit Gewerkschaftern. Dass Israel exponiert war, gefährdet, das war uns allen bewusst; nicht aber, dass es so exponiert war, dass seine Existenz noch lange nicht gesichert erschien, und zwar nicht nur aufgrund äußerer Bedrohung, sondern auch im Bewusstsein seiner Bürger. Ebenso wenig war uns bewusst, wie rücksichtslos, wie machiavellistisch seine führenden Politiker oft dachten.

Es ist mir nicht bekannt, wie Tom Segevs Buch in Israel aufgenommen wurde: Hat man sich an derlei Enthüllungen, an die Entmythisierung inzwischen gewöhnt? Oder erregte es Anstoß, Skandal? Er selbst würde so was wohl aushalten, in Anbetracht jener Werke, die er zuvor schon geschrieben hat und die ihm nationale ebenso wie internationale Anerkennung einbrachten. Dazu zählen etwa das bereits erwähnte 1967 sowie Simon Wiesenthal: Die Biographie (siehe Link am Ende des Beitrags).

Empfehlenswert? – Nun, die Untersuchung ist ziemlich detailliert ausgefallen, für Leser oder Leserinnen hierorts vielleicht ein bisschen zu detailliert, aber trotzdem: Ja, sofern man sich fürs Thema interessiert.

Gelesen: Der Nazi-Jäger

Segev, Tom, Die ersten Israelis: Die Anfänge des jüdischen Staates (München: Siedler Verlag, 2008).