Gelesen: Rose Ausländer

Die deutschsprachige Lyrikerin wurde 1901 als Rosalie Scherzer in Czernowitz geboren. Dabei handelte es sich um die Hauptstadt der Bukowina, einem eher entlegenen Winkel der Donaumonarchie. Trotzdem galt die Stadt als ein Zentrum von Kultur und Wissenschaft. Unter anderem zeichnete sie sich durch ihre Vielsprachigkeit aus: gesprochen wurden Rumänisch, Ruthenisch (Ukrainisch), Polnisch, Jiddisch und Deutsch. Nicht zuletzt deshalb brachte Czernowitz – ebenso wie übrigens Ostgalizien als Ganzes – eine ganze Reihe bedeutender Persönlichkeiten hervor; unter anderem eben auch unsere Dichterin.

Sie kam weit herum: Im Ersten Weltkrieg auf der Flucht vor den Russen nach Wien; später ging sie nach Amerika und ließ sich dort nieder. Sie heiratete Ignaz Ausländer, allerdings trennten sich die beiden bald wieder. Die Krankheit ihrer Mutter bewog Rose, nach Czernowitz zurückzukehren. So geriet sie – sehr verkürzt erzählt – aufgrund der Gebietsaufteilung zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion vom August 1939 unter bolschewistische Herrschaft. Da saß sie prompt vier Monate im Gefängnis. Im Windschatten der deutschen Offensive in Russland besetzten 1941 rumänische Truppen die Bukowina. Mit ihrer Mutter musste Rose zunächst ins Ghetto, später überlebte sie versteckt in einem Keller. In dieser Zeit lernte sie Paul Celan kennen, der ja ebenfalls aus Czernowitz stammte.

Nach der Befreiung durch sowjetische Truppen ging Rose Ausländer wieder in die Vereinigten Staaten, wo sie bis 1964 lebte und arbeitete. Danach wollte sie sich in Wien niederlassen, was aber scheiterte (über die Gründe konnte ich nichts in Erfahrung bringen). Sie ging nach Düsseldorf, wo sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1988 blieb, abgesehen von etlichen Reisen.

Dieser – extrem verkürzte – Abriss ihrer Biografie zeigt ein Leben des 20. Jahrhunderts, mit all seiner Glorie, aber vor allem auch mit seiner finsteren Schande, mit seinen Höllenqualen. Lyrik verfasste Rose Ausländer fast ihr ganzes Leben lang, und ob gewollt oder nicht, die Geschehnisse hinterließen ihre Spuren in ihrem Werk. Inhaltlich haben Kenner später sechs Themenkreise ausgemacht:

  • Gedichte über die Bukowina;
  • Gedichte über das Judentum;
  • Shoa-Gedichte;
  • Exil-Gedichte;
  • Gedichte über Sprache als dichterisches Ausdrucksmittel, als Handwerk und als Heimat;
  • Gedichte über die Liebe, über Altwerden und über den Tod.

Formal schreibt Rose Ausländer nach Art der so genannten Moderne. Ihre Gedichte weisen also keinen durchgehenden Rhythmus auf, kein Versmaß, und Reim gibt’s schon gar keinen. Zu ihrer Zeit war das neu, befreiend.

Mehr getraue ich mich dazu nicht zu sagen, denn wir sollten uns nichts vormachen: Die Beliebigkeit der Form brachte a la longue natürlich auch die Beliebigkeit der Inhalte und somit letztlich der Kriterien mit sich. Die moderne Lyrik lädt jeden und jede dazu ein, ein paar Zeilen aufs Papier zu stammeln. Sofern sie nur paradox genug sind, erwecken sie immer noch den Eindruck des Epigrammatischen.

Nicht, dass ich Rose Ausländer den Vorwurf der Beliebigkeit machen möchte; ganz gewiss nicht. Aber ist es ein Zufall, dass mir ausgerechnet ein Gedicht in Erinnerung geblieben ist, welches in konventioneller Form verfasst wurde?

Die Zeit im Januarschnee versunken.
Der Atem raucht. Die Raben krähn.
Aus Pelzen sprühen Augenfunken.
Der Schlitten fliegt ins Sternverwehn.
(aus: Bukowina I)

Ich muss es dem Leser, der Leserin überlassen, wie sie zu Ausländers Gedichten stehen wollen. Sollten sie Schwierigkeiten mit moderner literarischer Lyrik haben, dann darf ich sie trösten: Mir geht’s genau so, obwohl ich doch Literatur studiert hab’.

Empfehlenswert? – Nun, ja, bei allem Vorbehalt: Rose Ausländers Gedichte sind allemal einen Versuch wert.

Rose Ausländer, Gedichte (Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2001). Die Liste der Themenkreise findet sich dort auf S. 350.