Gelesen: Singapur + Meereshöhe

Ein Jahr in Singapur

Irgendwann hatte jemand beim Herder-Verlag die Idee zu einer Reihe Ein Jahr in… Und als Autorinnen wurden durchwegs weibliche Wesen ausgewählt. So auch für den Band über Singapur.

Mir fiel der Titel auf, weil wir selbst einmal in Singapur waren, und weil mich die Stadt damals faszinierte – vor allem die Sozialpolitik, der Wohnbau, die Infrastruktur. Wie kam es, dass hier – zumindest dem Anschein nach – der soziale Zusammenhalt derart gut zu funktionieren schien, der Gemeinsinn?

Auf solche Fragen erwartete ich mir Antworten, oder doch zumindest Antwortversuche, von dem Bändchen. Verfasst wurde es von einer jungen Dame namens Nicola Kaulich-Stollfuß. Und man muss ihr zugestehen: Schreiben kann sie! Nicht nur flüssig, sondern auch leichtfüßig, immer mit einem guten Schuss Ironie, nicht zuletzt gegenüber sich selbst.

Nur leider bleibt’s dabei, zwölf Monate und zwölf Kapitel lang. Tiefer wird’s nicht. HDB, Housing Development Board, wird nur am Rande erwähnt, kein einziges Wort der Erklärung. Die Häuser seien halt so hässlich. Dabei war dieses HDB verantwortlich für eine ganz außergewöhnliche Erfolgsgeschichte: Wie in einer asiatischen Stadt geordnete Wohnverhältnisse einkehrten, und zwar für alle. Ich hab’ diese Bauten gesehen – gar so hässlich erschienen sie mir nicht – und ich war beeindruckt.

Darüber hätt’ ich, wie gesagt, gerne mehr erfahren. Aber nein. Mich plagen weiterhin meine Fragen. Singapur hätte sich Besseres verdient.

Empfehlenswert? – Na ja. Die Lektüre ist durchaus amüsant, keine Frage, und wer nicht mehr verlangt, der wird gut bedient.

Nicola Kaulich-Stollfuß, Ein Jahr in Singapur: Reise in den Alltag (Freiburg: Herder, 2013).
Über Meereshöhe

Ein weiterer Roman von Francesca Melandri, die hier ja schon zweimal ihren Auftritt hatte (Verknüpfungen am Ende des Beitrags). Er unterscheidet sich von den anderen, indem es diesmal nicht um große Geschichte geht, um Jahrzehnte und um weite Räume. Ganz im Gegenteil: hier geht’s um Gefängnis, um Haft. Die Handlung ist beschränkt auf einen kleinen Kreis von Personen, eigentlich bloß auf drei: Zunächst Paolo, welcher seinen geliebten Sohn im Hochsicherheitsgefängnis besucht; der hat nämlich als Mitglied einer roten Terrorgruppe mehrere Menschen ermordet (der Roman spielt in den späten siebziger, frühen achtziger Jahren); dann Luisa, sie besucht ihren Mann im selben Gefängnis; und schließlich Nitti, ein Justizwachebeamter. Aufgrund eines unvorhergesehenen Zwischenfalls werden sie für kurze Zeit zusammengeführt, im Falle von Paolo und Luisa sogar zu einem one-night stand.

Wir haben’s  demnach nicht mit einem großen Orchester zu tun, einer Symphonie, sondern mit Kammermusik. Das ist für einen Roman, wenn schon nicht ungewöhnlich, so doch eine Herausforderung. Da bedarf es großen Geschicks bei der Handlungsführung und bei der Zeichnung der Charaktere. Francesca Melandri, das kann man wohl sagen, bewältigt die Aufgaben meisterhaft. Auch dieser Roman liest sich spannend von Anfang bis Ende, und das gänzlich ohne stilistische Verrenkungen oder Verschnörkelung. Die Charaktere leiden, aber sie tun das auf stoische Art und Weise. Sie leiden, weil sie nahestehenden Menschen die Treue halten, allen Widrigkeiten zum Trotz. Das macht zugleich ihr Heldentum aus.

Die Politik, vor allem die des Terrors kommt, wenn überhaupt, nur im Hintergrund vor. Früher, so reflektiert Paolo einmal, gab’s das Wort Revolution, und es gab die Sache: 1789, 1848, 1917. Aber im Italien des Jahres 1979, da gibt es nur das Wort, die Phrasen: „von der Gewalt der Gedanken zum Gedanken der Gewalt“. Das charakterisiert treffsicher die jugendlich-studentische Hirnverbranntheit jener Zeit.

Aber wie gesagt: Es spielt nur eine untergeordnete Rolle. Melandri geht’s um Menschen, um deren Schicksale – und wie sie damit fertig werden. Der Roman endet einigermaßen gut, obwohl man als Leser spürt, wie das Leiden die Charaktere weiter begleitet, durchs ganze Leben.

Empfehlenswert? – Ja, ohne Einschränkung.

Melandri, Francisca, Über Meereshöhe, Roman, aus dem Italienischen von Bruno Genzler (München: Karl Blessing Verlag, 2012). Orig. Più alto del mare.

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