Krokodilstränen

Jetzt wurden die Schulen geschlossen; umgestellt auf home learning. Und jetzt wird gejammert: Was die Kinder und Jugendlichen alles versäumen, sie werden die Lücken nie mehr schließen können, ihr ganzes Leben lang – eine verlorene Generation!

Komisch: Vor der Corona-Epidemie hat das mangelnde Können und Wissen unserer Kinder niemanden gekratzt.

Im Gegenteil: Die ganze Pädagogik, der ganze Schulbetrieb beruhten auf dem Dogma, dass viel zu viel in die Kinder hinein gestopft werde, dass ihnen zu viel zugemutet werde. Und „zu viel“, das war in diesem Sinne praktisch alles, was Mühe machte. Zulässig war ausschließlich lustvolles Lernen. Spielerisch. Es musste alles von selbst gehen.

Und wenn’s nicht von selbst ging?

„Das braucht’s nicht“, hieß es dann.

Ich rede da, bitte schön, aus eigener Anschauung. An meiner ehemaligen Schule erklärte mir einmal ein Kollege, seine Tochter habe von dem, was sie in Mathematik gelernt hatte, später höchstens zehn Prozent gebraucht.

Und was unterrichtete der Kollege? – Mathematik. An einer Höheren Technischen Lehranstalt.

Das braucht’s nicht.

Motto der Schule von heute.

In einer anderen Auseinandersetzung wurde ein anderer Kollege kritisiert, weil er eine Aufgabe mit Nicht genügend beurteilt hatte, deren Ergebnis falsch war – ohne Rücksicht auf richtigen Ansatz, Rechengang, aufs Bemühen des Schülers!

Es handelte sich ums Fach Mechanik.

Wenn’s in der Mechanik falsch ist, dann ist es eben falsch, argumentierte er, dann bricht die Welle oder die Brücke stürzt ein.

Aber nein: so streng darf man doch nicht sein, oder? Da kam dann immer gleich die Rohrstockpädagogik aufs Tapet, das reine Faktenlernen und so.

Das einzige, was uns bisher gerettet hat, war die Widerstandskraft jüngerer Kollegen und Kolleginnen. Ich bewundere sie einfach, wie sie zwar brav ihre Pädagogik studiert haben, wie sie aber trotzdem völlig unideologisch ihren Unterricht durchziehen, ganz ruhig und unspektakulär. Ich hab’ über solche Gelassenheit leider nie verfügt. Mich hat es sehr viel Energie gekostet, der pädagogischen Gehirnwäsche zu widerstehen. Das kam wahrscheinlich daher, dass ich so ein Sch***-Intellektueller bin. Kann immer nur ideologisch denken, du meine Güte!

Aber wie dem auch sei – wenn man jetzt den Ausfall von Unterricht bejammert, dann handelt es sich um reine Krokodilstränen. Ob unsere Kinder und Jugendlichen in der Schule nichts lernen oder aber selbiges zuhause tun, wo soll da der Unterschied sein? Vielleicht haben sie daheim sogar weniger Stress durchs angeblich so verknöcherte Schulsystem?

Nachsatz: Ich hab’ von meiner Gymnasiums-Mathematik auch nichts mehr gebraucht, das meiste dementsprechend vergessen. War’s umsonst? Ganz im Gegenteil: Ich weiß, was mir fehlt. Das ist eine ganz wichtige Funktion der so genannten Bildung.