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Der hohe Preis des Friedens

Am 23. November 1918 marschierten italienische Truppen unter klingendem Spiel – wie’s damals wohl hieß – in Innsbruck ein. In den Wochen zuvor hatten sie bereits Südtirol besetzt. Was vielleicht weniger bekannt ist: Die Tiroler hatten die Bayern zu Hilfe gerufen, welche tatsächlich bis Franzensfeste vorrückten, dann aber Tirol wieder räumten.

Die Jahre 1918–1922 und die Teilung Tirols sind das Thema des Bandes Der hohe Preis des Friedens der beiden Historiker Marion Dotter und Stefan Wedrac. Südtirol war den Italienern bei der Londoner Konferenz 1915 von Frankreich und England versprochen worden. Nordtirol hingegen nicht – hier agierten die italienischen Truppen aufgrund einer Klausel in den Waffenstillstandsbedingungen, wonach sie sich frei im gesamten österreichischen Staatsgebiet bewegen durften. So kam es zu einer kurzfristigen Besetzung, die im Übrigen auch kleine englische und französische Kontingente ins Land brachte. Auf diesen Umstand war ich vor ein paar Jahren anlässlich einer Ausstellung im Imperial War Museum in London aufmerksam geworden.

Die Italiener hatten niemals die Absicht, in Nordtirol zu bleiben. Sie ließen die Bevölkerung in Ruhe, es kam kaum zu Ausschreitungen, eher im Gegenteil: Die Truppen erwiesen sich als hilfsbereit, sei’s bei der Aufrechterhaltung der Ordnung oder bei der Versorgung der Bevölkerung – damals bekanntlich eine prekäre Angelegenheit. Wirklich dankbar waren die Nordtiroler trotzdem nicht: der Feind blieb der Feind.

Die Besetzung nördlich des Brenners endete 1920. Nicht so in Südtirol. Hier waren die Italiener gekommen, um zu bleiben, und das stellten sie von allem Anfang an unerbittlich klar – bitter für die ansässige Bevölkerung. Anfänglich stand die neue Provinz unter Militärverwaltung. Trotzdem legte selbst deren Befehlshaber großen Wert darauf, dass die Bevölkerung in ihrer Lebensweise, ihrer Kultur nicht beeinträchtigt werde. Dasselbe galt in der Folge für die Zivilverwaltung. Beide orientierten sich an den großzügigen, liberalen Vorstellungen früherer Zeiten. Dies entsprach auch den Vorgaben der demokratisch gewählten Regierung in Rom. Nationalisten wie Ettore Tolomei kamen vorerst nicht zum Zug.

Ein einigermaßen gedeihliches Neben- oder gar Miteinander ergab sich daraus freilich nicht. Das mochte einerseits aus dem – durchaus verständlichen – Trotz der Südtiroler resultieren, andererseits wohl auch aus dem stolzen Gebaren der neuen Herrscher. Vor allem aber etablierte sich ein neuer Verwaltungs- und Rechtsapparat mit fremdartigen Gesetzen und Gebräuchen, dessen Vertreter noch dazu bloß Italienisch sprachen. Da half es nichts, dass die Schulen nach wie vor so liefen wie zuvor; jetzt wäre Italienisch gefragt gewesen. Die Vorherrschaft des überwiegend italienischsprachigen Trentino, mit dem Bozen verwaltungstechnisch zusammengeschlossen war, stellte einen weiteren Zankapfel dar.

Und in den Kulissen warteten bereits die Faschisten. Ab etwa 1920 wurde deren Propaganda immer lauter, ihr Auftreten provokanter. Es kam zu Zusammenstößen, die Repression der italienischen Exekutive verhärtete sich. 1922 kamen sie an die Macht.

Wie’s weiterging, ist nicht mehr Thema dieses Buches. Es handelt sich zwar um eine wissenschaftliche Arbeit, dessen ungeachtet schreiben Marion Dotter und Stefan Wedrac jedoch durchgehend klar und leicht verständlich. Das soll lobend hervorgehoben werden. Sie schließen eine kleine, aber doch empfindliche Lücke in unserem Geschichtsbewusstsein. Für den Frieden nach dem Ersten Weltkrieg hatten alle – ausgenommen höchstens die US-Amerikaner – einen hohen Preis zu zahlen. Am größten dürfte er wohl im Russischen Reich gewesen sein. Aber auch für die Südtiroler gestaltete er sich äußerst schmerzhaft – und anhaltend.

Marion Dotter, Stefan Wedrac, Der hohe Preis des Friedens: Die Geschichte der Teilung Tirols 1918–1922 (Innsbruck: Verlagsanstalt Tyrolia, 2018).