Gelesen

Vor kurzem haben wir hier über den Roman Eva schläft der römischen Autorin Francesca Melandri gesprochen. Inzwischen hab’ ich einen weiteren gelesen, nämlich Alle, außer mir (italienisch Sangue giusto), erschienen 2017.

Es gibt Parallelen zwischen den beiden Werken: allen voran wohl der Stil, auch dieses Mal wieder geradeheraus und zielsicher, ohne jegliche Schnörkel, Pirouetten oder sonstige Attitüden (lediglich die deutsche Übersetzung könnte in diesem Falle kritisiert werden). Die Geschichte, die da erzählt wird, steht stets im Vordergrund. Das macht diesen Roman genau so fesselnd wie den früheren.

Außerdem handelt es sich wieder um eine Familiengeschichte, wenngleich mit einer interessanten Variante. Und auch dieses Mal ist das Schicksal der Familie verwoben mit Geschichte, mit Politik. Es geht um Abessinien, wie’s damals hieß, also um Äthiopien, und im Besonderen um den Krieg (1935–36), mit welchem das faschistische Italien seine Herrschaft in dem Lande errichtete. Und beides, Krieg samt anschließender Herrschaft, zeichneten sich durch schockierende Brutalität von Seiten der Italiener aus – dass sie Giftgas einsetzten, dürfte vielleicht allgemein bekannt sein, aber das war noch lange nicht alles.

Francesca Melandri schildert solche Grausamkeiten, solche Massaker kaltblütig und anschaulich – manchmal bis an die Grenze des Erträglichen. Mir scheint, sie tut das in der Absicht, ihre Landsleute zum Hinschauen zu zwingen, zum Wahrnehmen. Inwieweit das in Italien bereits erfolgte, oder inwieweit das schockierend wirkt, das entzieht sich meiner Kenntnis. Der pater familias im Roman, Attilio Profeti, scheint seine Taten jedenfalls weitgehend vergessen zu haben, zumindest nach außen hin. Seine Lebensgeschichte steht im Zentrum der Erzählung.

Natürlich kommt noch mehr zur Sprache: das Rom der Gegenwart zum Beispiel; Liebe in ihren verschiedenen Formen, geglückt oder vergeblich; die geradezu atemberaubende Korruption von Politik und Verwaltung; sowie Migration, illegal wie legal. Insofern handelt es sich um eine Erzählung der Gegenwart ebenso wie der Vergangenheit.

Empfehlenswert? – Ja, keine Frage. Packend geschrieben, und man lernt eine Menge (sofern einem daran gelegen ist).

Francesca Melandri, Alle, außer mir, Roman, aus dem Italienischen von Esther Hansen (München: btb Verlag, 2020).