Gelesen

Francesca Melandris Roman Eva schläft erschien bereits 2010; taufrisch ist er also nicht mehr. Ob er hier bei uns gelesen wurde, beachtet, diskutiert, das entzieht sich meiner Kenntnis. Was ich im Web gefunden habe, das ist eine Rezension von Helmuth Schönauer. No na, ist man fast versucht zu sagen, denn was hat unser Meisterrezensent eigentlich nicht gelesen und besprochen? Die Lektüre- und Besprechungsleistung, die er in seinem Berufsleben hingelegt hat, müsste eigentlich rekordverdächtig sein. Mir ringt sie mundoffenstehende Bewunderung ab.

Aber darum soll’s hier natürlich nicht gehen. Das Bemerkenswerte an dem Roman ist der Umstand, dass er von einer Italienerin verfasst wurde, dass er jedoch von Südtirol handelt. Den Rahmen bildet eine Zugfahrt durch die gesamte Länge des italienischen Stiefels. Die Kapitelüberschriften sind zur Hälfte denn auch Kilometerangaben, zur anderen Hälfte Jahreszahlen, denn die Erzählung verquickt eine Familiengeschichte mit Politik, mit Historie. Das reicht vom Ende des Ersten Weltkriegs über Italienisierung, Abessinienkrieg, Option, Zweiten Weltkrieg und Nazi-Herrschaft bis herauf zu den Bumsern und schließlich zur Streitbeilegungserklärung.

Solche halb historischen, halb privaten Romane bringen freilich eine Gefahr mit sich: Dass die Charaktere nur noch Repräsentanten sind für geschichtliche oder politische oder auch soziologische Phänomene, nach der Methode: „So eine Figur brauchen wir auch noch“, also hinein damit und kräftig umgerührt. Fernsehserien werden auf diese Art und Weise produziert – und Melandri hat derlei Drehbücher geschrieben.

Kann ihr Roman mehr bieten? Handelt es sich wirklich um einen Roman, nicht nur um illustrierte Geschichte? Nun, meine spontane Reaktion wäre zu sagen: Ja, er ist mehr. Ich möchte aber vorsichtig sein. Aus Erfahrung weiß ich, dass sich ein endgültiges, haltbares Urteil erst nach einiger Zeit herausbildet. Vorläufig werde ich mich also meiner Stimme enthalten. Was man aber zweifellos sagen kann, ist dies: Melandri schreibt mitreißend, das Buch ist spannend zu lesen von Anfang bis zum Ende, ohne die geringste Verschnörkelung und Affektiertheit, wie sie bei einem solchen Thema in der österreichischen Literatur leider zu befürchten wären.

Was die Familiengeschichte betrifft, handelt sie von einer ärmlichen deutschsprachigen Familie – man ist versucht, sie im Raum Bruneck anzusiedeln. Im Mittelpunkt steht Gerda, die sich als Köchin in einer feindseligen Umwelt durchschlagen muss. Ihr uneheliches Kind ist Eva, also jene, die schläft, und die zugleich als Erzählerin der ganzen Geschichte fungiert. Die Bahnfahrt dient dazu, nach langen, langen Jahren ihren Stiefvater wiederzusehen, ein letztes Mal vor seinem Tod – denn dieser kalabresische Carabiniere war ihr eigentlicher Vater, liebend und geliebt.

Mehr braucht hier nicht verraten zu werden. Francesca Melandri wurde 1964 in Rom geboren. Einer kurzen Anmerkung entnehme ich, dass sie 15 Jahre in Südtirol/Alto Adige gelebt habe. Was sie weiß, was sie recherchiert hat, das erscheint mir erstaunlich treffsicher. Wenn irgendwelche Details benörgelt werden, so sind sie völlig irrelevant. Das Thema an sich, die Perspektive – die dürften doch höchst bemerkenswert sein, eine bewundernswerte Leistung in diesen Zeiten des wieder aufkommenden Nationalismus.

Empfehlenswert? – Ganz ohne Zweifel: Ja. Wie schon gesagt, ein Buch, das man frisst, nur ungern niederlegt, ehe man zum Schluss gelangt.

Francesca Melandri, Eva schläft, Roman, aus dem Italienischen von Bruno Genzler (Berlin: Verlag Klaus Wagenbach,  Taschenbuch 7. Aufl. 2020). Erstmals erschienen 2010.