Die Duesberg-Geschichte

Leser und Leserinnen meiner Altersgruppe werden sich erinnern – Mitte der achtziger Jahre sahen wir uns wie aus heiterem Himmel mit einer Pandemie konfrontiert: AIDS. Eine unheimliche, furchterregende Krankheit; denn nicht nur wusste man damals sehr wenig, es war auch nicht abzuschätzen, wie schnell und wie weit sie sich ausbreiten würde. Damit nicht genug, zielte sie auf ein Kernstück unserer damaligen Kultur: Seit den sechziger Jahren hatte ein gewisser Umgang mit Sex zu unserem Selbstverständnis gehört, zu unseren Selbstverständlichkeiten; und dieser Umgang war – na ja, nicht gerade freizügig (die meisten von uns feierten ja keine Orgien), sehr wohl aber unbekümmert. Und damit sollte es jetzt vorbei sein? Wie lange? Auf immer?

In dieser beklemmenden Stimmung erhob sich eine tröstende Stimme: Alles nicht wahr! Sie stammte von Peter Duesberg, geboren 1936, Professor für molekulare und Zellbiologie an der Universität von Kalifornien in Berkeley, und aufgrund seiner Krebsforschung bereits hoch geschätzter Wissenschaftler. Nun vertrat er die These, dass AIDS gar nicht durch das Humane Immundefizienz-Virus HIV übertragen werde, vielmehr eine Folge von Drogenkonsum, analem Geschlechtsverkehr und anderen Verhaltensweisen sei. Die herrschende Auffassung, so behauptete er, diene bloß der Panikmache, von der in weiterer Folge die Pharmaindustrie zu profitieren hoffe. Deren Medikamente seien völlig wertlos, ja sie könnten sogar selbst AIDS verursachen.

Sehr viele Wissenschaftler folgten ihm nicht – wobei gesagt werden muss, dass seine Behauptungen sehr wohl wahrgenommen wurden, getestet und überprüft. Es gab auch prominente Kollegen, die ihm keineswegs zustimmten, trotzdem für sein Recht eintraten, wenigstens gehört zu werden. Zugleich formte sich allerdings auch so was wie eine Bewegung. So breit wie spätere sollte sie allerdings nicht werden, schließlich gab’s damals noch keine Soziale Medien.

Immerhin gelangte Kenntnis von dieser konträren Bewegung bis in unsere Gefilde. Irgendwann – an Jahr und Datum kann ich mich leider nicht erinnern – irgendwann also brachte die Gegenwart in Innsbruck die deutsche Übersetzung eines Aufsatzes; ich weiß nicht mehr, ob von Duesberg selbst oder über ihn. Die Argumentation klang durchaus logisch. Trotzdem hätte ich ihr damals noch keine übermäßige Bedeutung beigemessen. Das kam erst, als sich auch die Sunday Times in London auf seine Seite zu stellen schien. Da fühlte ich mich ermutigt, eine meiner wöchentlichen Glossen dem Thema zu widmen. Ich blieb vorsichtig, dass muss ich mir selbst lassen, trotzdem konnte kaum Zweifel bestehen, dass ich im Grunde an die konträre Hypothese glaubte. War ja auch ein Geschenk für jeden Kolumnisten!

Wie’s weiterging, wird man sich vielleicht erinnern: AIDS breitete sich nicht so rasend aus wie vorhergesagt. Das lag allerdings auch daran, dass sich die Menschen schützten. Und dazu wurden sie, besonders in Großbritannien, mittels aufwändiger und ziemlich drastischer Informationskampagnen der Regierung angehalten. In einem Land, nämlich Südafrika, folgte die Regierung der Duesberg-Hypothese. Das Resultat war katastrophal.

Mit der Zeit kamen Medikamente auf den Markt, welche AIDS zwar nicht verhinderten oder heilten, die Wirkung der Krankheit jedoch so eindämmten, dass die Opfer wesentlich länger und besser lebten. All das war aber nur möglich, weil Politik und Medizin den Annahmen der konventionellen Wissenschaft bezüglich HIV folgten. Diese Wissenschaftler warnten schon damals, dass es sehr, sehr lange dauern würde, bis ein heilendes Medikament oder gar ein Impfstoff gefunden würden. Auch das hat sich bewahrheitet.

Von Duesberg hat man nichts mehr gehört. Ich nehme an, es gibt noch immer eine verschworene Gemeinschaft seiner Anhänger, aber wissen tu ich’s nicht. Immerhin scheint ihn die Affäre nicht um seine Existenz gebracht zu haben. Meinen Informationen zufolge behielt er seine Professur in Berkeley. Inzwischen muss er schon emeritiert sein.

Was mich betraf – nun, ich lernte. Ich hab’ mich nie wieder derart vorlaut zu naturwissenschaftlichen und medizinischen Fragen geäußert. Dem Ewig Konträren gegenüber bin ich höchst misstrauisch geworden. Und noch eine wertvolle Erfahrung hab’ ich von damals mitgenommen: Ich durfte am eigenen Leib erleben, wie erhebend es sich doch anfühlt, wenn man sich zu einer ausgewählten Gruppe von Menschen mit überlegenem Wissen zählt.