Die Österreicher, die Vergangenheit

Ich hab’ hier bereits über Tony Judts Nachkriegsgeschichte Europas geschrieben (Link am Ende des Beitrags). Hier ein Absatz aus jenem Essay, welches der Autor an seine Geschichte anhängt. Darin geht’s ums Erinnern – immer ein leidiges Thema, und besonders im Falle von Österreich:

But no-one expected very much of the Austrians. Their largely untroubled relationship to recent history – as late as 1990, nearly two Austrians in five still thought of their country as Hitler’s victim rather than his accomplice and 43 percent of Austrians thought Nazism ‘had good and bad sides’ – merely confirmed their own and others’ prejudices.

Zu deutsch:

Aber von den Österreichern hat ohnehin niemand sehr viel erwartet. Ihr weitgehend ungetrübtes Verhältnis zur jüngeren Geschichte – noch 1990 betrachteten fast zwei von fünf Österreichern ihr Land eher als Hitlers Opfer denn als seinen Komplizen, und 43 Prozent der Österreicher glaubten, der Nationalsozialismus habe „gute und schlechte Seiten“ – bestätigte lediglich ihre eigenen Vorurteile und die der anderen.

Der Absatz ist insofern bemerkenswert, als er nicht weniger als drei schwere Fehler enthält – meiner Zählung zufolge, wenigstens.

  • Erstens: Zu sagen, „die Österreicher“ hätten ein weitgehend ungetrübtes Verhältnis zu „ihrer“ Vergangenheit, ist eine Ohrfeige für all jene, die niemals ein solches Verhältnis hatten oder, wenn doch, sich bemüht haben, es zu überdenken und zu ändern. Ganz bestimmt gilt es nicht mehr für die Generationen von Österreichern, die heute entweder mittleren Alters oder noch jünger sind. Es handelt sich um den klassischen Fall einer unzulässige Verallgemeinerung.
  • Zweitens: Österreich als Land war sehr wohl „Hitlers Opfer“. Sein „Komplize“ kann es nicht gewesen sein, weil es im März 1938 aufhörte zu existieren. Und vorher, ab 1933, versuchte es, das Land, nicht von den Nazis vereinnahmt zu werden. Natürlich war’s nicht so, dass deswegen alle seine Einwohner Opfer Hitlers geworden wären; ganz im Gegenteil, viele, sehr viele wurden zu „seinen Komplizen“. Aber deswegen gilt das noch lange nicht fürs ganze Land, denn was kann das in diesem Sinne hier anderes bedeuten als: der Staat? Und es gilt ebenso wenig für „die Österreicher“, wie wir soeben gesehen haben.
  • Drittens: „43 Prozent der Österreicher glaubten, der Nationalsozialismus habe gute und schlechte Seiten“ – na so was! Ja, was glauben denn Sie? Erstens hat oder hatte alles, aber auch schon gar alles gute und schlechte Seiten; auch das Regime in Nordkorea, auch Saddam Husseins Regime im Irak, auch der Kommunismus in der Sowjetunion. Wär’s anders, dann gäb’s diese Regimes überhaupt nicht. Und was zweitens den Nationalsozialismus betrifft – wie hätte er je so erfolgreich sein können, wie hätte er je so viele Menschen für sich einnehmen können, wenn er nicht auch gute Seiten gehabt hätte? Das ändert nichts an den gigantischen Massenverbrechen des Nationalsozialismus, noch ändert’s etwas an dem Elend, das er über die Menschen in ganz Europa gebracht hat, Deutschland und Österreich eingeschlossen. Aber zu verlangen, dass die Österreicher – oder sonst wer – etwas anderes glauben, wäre eine Vergewaltigung des gesunden Menschenverstandes.

Ich weiß nicht, inwieweit dieser Absatz die Qualität des gesamten Buches beeinträchtigt. Immerhin kann man dem Autor zugute halten, dass er möglicherweise bloß das wiedergegeben hat, was ihm von österreichischen Gesprächspartnern gesagt wurde. Hierzulande wurden diese Behauptungen ja so oft und so unbeirrt wiederholt, im Druck ebenso wie im Rundfunk und im Fernsehen, dass sie sich zur Lehrmeinung verfestigt haben. Und die wird eben ohne zu denken nachgebetet.

Tony Judt, Postwar: A History of Europe Since 1945 (London: Vintage, 2005). Ich beziehe mich auf den Epilog, “From the House of the Dead: An Essay on Modern European Memory”, pp. 803–833.
Die besprochene Stelle findet sich auf S. 812–3. – Zu meiner Rezension siehe Europa seit 1945.