Nach einem Jahr

„Wann platzen die Blasen?“, hab’ ich vor einem Jahr gefragt und am Ende bloß eines gewünscht: In einem Jahr wissen wir hoffentlich mehr.

Bei den drei Blasen, die ich damals auszumachen glaubte, handelte es sich um

  • den so genannten Brexit,
  • die US-amerikanische Präsidentschaft von Donald Trump, sowie
  • die „türkise Bewegung“ von Sebastian Kurz.

Man kann’s drehen und wenden, wie man will, aber geplatzt ist keine dieser Blasen – nicht einmal die der „türkisen Bewegung“. Denn obwohl ihre Koalition mit der FPÖ scheiterte, obwohl Sebastian Kurz aus dem Bundeskanzleramt flog, scheint doch niemand daran zu zweifeln, dass er nach den Wahlen im September wieder dorthin zurückkehren wird – vielleicht als strahlender Held.

Was den Brexit angeht, so sind Parlament und Regierung im Vereinigten Königreich in eine Krise geschlittert, die sich gewaschen hat. Von Theresa May wurde gesagt, sie werde sich als die schlechteste Premierministerin seit weiß Gott wann herausstellen. Heute residiert Boris Johnson in 10 Downing Street. Es geht immer noch ein bisschen tiefer – auch wenn man’s nicht für möglich hält. Die Brexit-Blase, so habe ich vor einem Jahr geschrieben, müsste meiner Auffassung zufolge platzen, wenn sie an der Realität schrammt. Aber so weit ist’s noch immer nicht, dank zweimaligen Aufschubs des endgültigen Austritts. Wie’s weitergeht, wagt niemand vorherzusagen. Aber dass die Leavers, dass die Konservative Partei da eine Blase erzeugt haben, das steht inzwischen wohl fest. Insofern wissen wir tatsächlich mehr, zumindest in dieser Hinsicht.

Trump sitzt weiterhin fest im Sattel. Auch in dieser Beziehung habe ich vor zwölf Monaten nichts anderes erwartet. Aber wissen wir mehr? Nun ja – mit jeder Woche, mit jedem Monat wird es wahrscheinlicher, dass seine Amtszeit in einem Desaster enden wird. Und je länger seine Amtsführung dauert, desto verheerender wird es sein. Leicht möglich, dass er einen Scherbenhaufen hinterlässt, gegen den Tricky Dicks (Richard Nixons) Watergate wie Stümperei wirkt.

Doch erhebt sich in diesem Zusammenhang wohl eine andere Frage: Wenn so genannte Blasen so lange anhalten, wenn sie folglich so viel Schaden anrichten können – kann man dann wirklich noch von „Blasen“ reden? Die erwecken ja das Bild eines zarten, flüchtigen Gebildes, nur zu bereit, in jedem Moment – nun ja, eben zu platzen. Schaden entsteht keiner – außer vielleicht Enttäuschung bei ganz kleinen Zusehern.

In diesem Sinne muss ich wohl mein Urteil revidieren. Trump, Brexit und Kurz – das sind keine Blasen, so schnell gehen die nicht vorbei. Nicht, dass sich an ihrer Substanz, an ihrem Wesen deshalb etwas geändert hätte. Es geht bloß um die Dauer.

Damit werden wir uns abfinden müssen, fürchte ich. Mehr noch – wir werden lernen müssen: neue Zeiten, neue Politik. Auch wenn wir’s manchmal noch immer nicht so recht glauben können – siehe Boris Johnson.