Bernie Sanders

Er war mir natürlich längst ein Begriff – 2016 verfolgte ich verblüfft, ja beinahe schon hypnotisiert seine unglaubliche Beliebtheit im Kampf um die Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei in den USA. Aber dass Bernie Sanders auch ein Buch geschrieben hat, das erfuhr ich erst dank seines denkwürdigen Auftritts jüngst bei Fox News – und dass er damit ebenfalls erfolgreich war: anscheinend hat’s ihm Millionen eingebracht! [1]

Also: Buch her, lesen. Our Revolution heißt es. Im ersten Teil schildert Sanders zunächst seinen Werdegang – er stammt aus Brooklyn –, dann eben jene Kampagne um die Nominierung. Das liest sich so spannend wie ein Krimi, unputdownable, wie’s auf Englisch heißt. Aber warum eigentlich? An sich sind politische Manöver doch keineswegs der Stoff, aus dem packende Geschichten gemacht werden, oder?

Ich glaube, Sanders’ Wirkung beruht auf zwei Dingen – das galt schon während seiner Auftritte 2016, und es gilt ebenso für sein Buch. Da ist einerseits das, was er sagt. Der Inhalt steht bei ihm stets im Vordergrund, nicht etwa die Public Relations. Schon das kommt einer Revolution gleich. Was er sagt, das hat’s aber auch in sich: Sanders hat die Gabe, Tatbestände klar, ganz trocken beim Namen zu nennen – Tatbestände, die im Grunde ohnehin jeder kennt, jeder weiß, die bloß so selten offen ausgesprochen werden. Dazu gehört etwa die obszöne Raffgier der Reichen und Superreichen; der gigantische Diebstahl öffentlicher Mittel durch die riesigen Konzerne, deren unglaubliche – und vollkommen undemokratische – Macht; der Umweltskandal; der Zustand der Gesundheitsversorgung; bis hin zur Ausbeutung verzweifelt arbeitender Lohnabhängiger, der grassierenden Armut, und das im reichsten Land der Welt!

Es kommt aber noch was dazu: Die emotionale Seite, wenn man so will – wie er’s sagt. Und da ist es eben nicht so, dass Bernie Sanders als polemischer Marktschreier auftritt. Ganz im Gegenteil. Er bleibt ruhig, sachlich, trotzdem aber engagiert, durchaus mit Gefühl. Doch dieses Gefühl – so vermittelt er – ist positiv, freundlich, lächelnd, ermutigend. Ich glaube, dass man (a) so was nicht spielen kann, nicht kalkulieren, und (b) dass es einen großen Teil seiner Popularität ausmacht.

Nicht nur im inner-demokratischen Wahlkampf von 2016 fiel Sanders die Rolle des David zu, der gegen einen Goliath kämpft; er hat das, scheint’s, sein ganzes politisches Leben lang getan, schon als er Bürgermeister von Burlington in Vermont wurde, später Kongressabgeordneter und Senator. Und er hat in all diesen Fällen viel mehr erreicht, als man zunächst hätte annehmen können. Ein David, ja – aber einer mit Erfahrung, um nicht zu sagen: ein existentieller.

 Über Sanders’ politisches Programm wird vielleicht noch zu sprechen sein, über seine klare Analyse, über seine Vorschläge. Vorerst nur so viel: Manches ist natürlich spezifisch US-amerikanisch; anderes könnte hingegen entweder eins zu eins oder aber mutatis mutandis auf Europa beziehungsweise auf Österreich angewandt werden, könnte hier vorgeschlagen werden. Insofern handelt es sich bei seinem Buch auch um eines, das politisch Interessierte hierzulande lesen müssten. Sanders lehrt uns, klar zu sehen, klar auszusprechen, selbst wenn’s der Schulweisheit von Politologen und Journalisten zufolge schädlich wäre. Aber darum geht’s nicht. Es geht um die Wahrheit. Und um die Hoffnung: nämlich vielleicht doch noch etwas bewirken zu können, zum Besseren wenden.

Deshalb scheut sich Bernie Sanders auch nicht, von „unserer Revolution“ zu sprechen. Das mag in den USA einen anderen Klang haben als bei uns. Wir denken da gleich an die bolschewistische Revolution, Beginn einer gigantischen Katastrophe. Sanders knüpft an den Gründungsmythos der USA an: 1775, so sagt er einmal, haben geldgierige britische Aristokraten die Kolonien ausgebeutet und unterdrückt; heute sitzen die Unterdrücker, die Ausbeuter im Lande selbst. Deshalb bekennt er sich auch offen als Sozialist (womit in seinem Falle natürlich gemeint ist: als Sozialdemokrat). Doch das S-Wort, der Schulweisheit zufolge absolut tabu, hat ihm bisher nicht geschadet, eher im Gegenteil.

Wie wir wissen, ist er wieder in den Ring gestiegen für den nächsten Kampf – um die Nominierung der Demokratischen Partei im Sommer 2020. Wird’s ihm dieses Mal gelingen? Wird er den gleichen Enthusiasmus entfachen, denselben Schwung?

Man wird sehen. Immerhin scheint sich da eine Bewegung zu formieren, unter dem Namen Our Revolution (und als solche lässt sie sich leicht im Web finden). Aber gleichgültig, wie’s weitergeht: Ein bisschen etwas hat Bernie Sanders jetzt schon bewirkt, und sei’s bloß, indem er dieses Buch geschrieben hat.

Empfehlenswert? – Absolut, ohne Einschränkung, im Gegenteil: ein Muss, würd’ ich fast sagen. Das umso mehr, als das Buch auch auf Deutsch erschienen ist.

Bernie Sanders, Our Revolution: A Future To Believe In, paperback edn. (London: Profile Books, 2017).
deutsch: Unsere Revolution: Wir brauchen eine gerechte Gesellschaft (Berlin: Ullstein, 2017).

[1] Bernie Sanders draws enthusiastic cheers in surprising Fox News town hall.