Gelesen

Der Nazi-Jäger

Simon Wiesenthal gehört zur österreichischen Zeitgeschichte. International bekannt wurde er durch seinen Beitrag zur Ausforschung von Adolf Eichmanns Inkognito und Versteck; hierzulande erregte in den sechziger Jahren sein Buch Doch die Mörder leben Aufsehen, insbesondere der Fall Franz Murers, des „Schlächters von Vilnius“. Da trat Wiesenthal erstmals biederen Österreichern im Trachtenanzug auf die Zehen. 1975 deckte er die Zugehörigkeit des damaligen FPÖ-Obmannes Friedrich Peter zu einer SS-Mordbrigade auf; damit störte er die Kreise unseres damaligen Sonnenkönigs, Bundeskanzler Bruno Kreisky, und dementsprechend ungehalten fiel dessen Reaktion aus – er unterstellte Wiesenthal, nur deshalb etliche KZs überlebt zu haben, weil er mit den Nazis kooperierte. Das war ohne Zweifel ein Tiefpunkt österreichischer Nachkriegspolitik. Im Zuge der Waldheim-Affäre behielt Wiesenthal kühlen Kopf und bestand darauf, dass es keine Beweise gebe für Kriegsverbrechen des Präsidentschaftskandidaten – zu Recht, wie wir heute wissen. Die Vergangenheitsbewältiger haben’s ihm nicht verziehen.
Tom Segev ist ein renommierter israelischer Historiker. Sein Buch über das Jahr 1967 im Nahen Osten steht bereits in meiner Bibliothek. In seiner Wiesenthal-Biographie zeichnet er ein vielschichtiges Bild eines vielschichtigen, durchaus auch widersprüchlichen Menschen. An seiner Objektivität kann kaum Zweifel bestehen; im Kapitel über die Waldheim-Affäre wirkt sie geradezu herzerfrischend. Österreichische Verhältnisse stellt er fehlerfrei dar, da muss er sich mehr als ordentlich eingearbeitet haben – eine beachtliche Leistung.

Empfehlenswert? – Unbedingt, ohne jegliche Einschränkung!

Tom Segev, Simon Wiesenthal: Die Biographie, aus dem Hebräischen von Markus Lemke (München: Siedler Verlag, 2010).
Ein seriöser Spitzbub

Arik Brauer hat heuer seinen 90. Geburtstag gefeiert, und aus diesem Anlass wurde er gebührend geehrt. Interessant, wie er selbst im hohen Alter das ihm eigene spitzbübische Lachen nicht verlernt hat. Das macht ihn sympathisch – aber beileibe nicht nur das. Bekannt ist er vor allem als Maler, als Repräsentant dessen, was sich „phantastischer Realismus“ nennt. Für jemanden wie mich ist er eine Schlüsselfigur in der Entstehung des Austropop. Das Erscheinen seiner Langspielplatte 1971 stellte ein epochales Ereignis dar: moderne populäre Musik, und doch unverkennbar österreichisch, inklusive eines jüdischen Einschlags. Dass so was möglich war! Und der Austropop – nicht nur repräsentiert durch Arik Brauer, versteht sich, aber eben auch – bildete einen wesentlichen Baustein für das österreichische Selbstverständnis, für unseren (sagen wir’s ehrlich) Stolz in den siebziger und achtziger Jahren.
Brauers Erinnerungen Die Farben meines Lebens sind ursprünglich 2006 erschienen. Auch hier gibt sich der Autor durchaus seriös, ohne gleichzeitig den Spitzbuben verleugnen zu können (oder zu wollen). So erzählt er durchgehend von sich selbst in der dritten Person. Das Ergebnis – nun, man lese selbst, ein Vergnügen von der ersten bis zur letzten Seite. Danke, Arik Brauer, auch dafür – aber nicht nur, sondern ebenso für alles andere!

Empfehlenswert? – Versteht sich von selbst, unbedingt.

Arik Brauer, Die Farben meines Lebens: Erinnerungen, durchgesehene, erweiterte Neuauflage (Wien: Amalthea, 2014).
Die Industrielle Revolution…

… ist die prägende Episode in der Geschichte des so genannten Abendlandes. Sie definiert das, was wir – auch in Europa, auch in Österreich – heute sind im Vergleich und Kontrast zu der Zeit vor dieser Revolution. Sie war der Grund für die europäische Dominanz der Welt, von der wir uns eben jetzt so schwer verabschieden. Für die USA gilt sinngemäß dasselbe. Und deshalb wäre es wichtig, dass wir mehr wüssten über diese Revolution. Leider beschränkt sich das Wissen meist auf Oberflächliches, qualmende Fabriksschlote und Dampflokomotiven. Das vorliegende Bändchen aus der Reihe A Very Short Introduction  bietet einen ersten, kompakten Zugang. Für Fortgeschrittene ist es auch nicht nutzlos: zum schnellen Nachschlagen – Wie war das doch gleich? Wann war das? Bemerkenswert ist das letzte Kapitel, in welchem der Autor dem weiteren Verlauf der Industriellen Revolution auf der ganzen Welt nachgeht – nichts und niemand (na ja, fast nichts und niemand) konnte sich ihr bekanntlich entziehen. Kein größeres Land sei je ohne Industrialisierung reich geworden, merkt er an; und da es immer noch arme Länder gibt, müssten wir hoffen, dass auch sie industrialisieren würden.

Empfehlenswert? – Ja, historisches Interesse (und englische Sprachkenntnisse) vorausgesetzt.

The Industrial Revolution …

… is the formative episode in the history of the so-called West. It defines what we – also in Europe, also in Austria – are today in comparison and contrast to the time before that revolution. It was the reason for the European dominance of the world parting from which we are presently finding so hard. The same applies to the USA. And that’s why it would be important for us to know more about that revolution. Unfortunately, knowledge is mostly limited to superficial aspects such as smoking factory chimneys and steam locomotives. This little book of the A Very Short Introduction series offers a first, concise access. But even for advanced users it will have its uses, e. g. for a quick reference – What exactly did happen? And when? The last chapter is remarkable as the author pursues the further course of the Industrial Revolution around the world – nothing and nobody (well, almost nothing and nobody) was able to escape the process, as we know. No major country has ever grown rich without industrialization, it is stated, and as there are still poor countries, we must hope that they, too, will become industrialized.

Recommended? Yes – provided the reader has an interest in history (and sufficient command of English).

Robert C. Allen, The Industrial Revolution: A Very Short Introduction (Oxford: Oxford University Press, 2017).
Noch eine Liste

Seit Schindlers Liste kommen wir, scheint’s, aus den Listen nicht mehr heraus. Bei dieser hier handelt es sich um die Kartei von Diana Budisavljevic, geborene Obexer aus Innsbruck. Während der Ustascha-Herrschaft (1941–1945) lebte sie als Gattin eines Medizinprofessors in Zagreb. Als ihr die Not serbischer Kinder zu Ohren kam, handelte sie kurz entschlossen – und bis Kriegsende gelang es ihr, Tausende von ihnen vor einem elenden Tod zu retten. Nach dem Ende der Schreckensherrschaft wollte sie Mütter und Kinder mittels ihrer Kartei wieder zusammen bringen; aber die wurde sogleich von den Kommunisten beschlagnahmt.
Wenn die Bezeichnung „Heldin“ einen Sinn haben soll, dann muss sie auf Diana Budisavljevic zutreffen – und auf ihre Helferinnen und Helfer. Gut, dass ihr hier ein literarisches Denkmal gesetzt wurde; gut, dass ihre Taten doch noch an die Öffentlichkeit kamen. Ob der „biografische Roman“ von Wilhelm Kuehs die ideale Form bietet, das ist eine andere Frage. Nicht alles, was übers Gute geschrieben oder gefilmt oder sonstwie gemacht wird, muss deshalb auch gut sein. Trotzdem –

Empfehlenswert? Durchaus – um sich durch all die Ungeheuerlichkeiten der Ustascha hindurch zu lesen, braucht’s aber einen starken Magen und ein robustes Gemüt.

Wilhelm Kuehs, Dianas Liste: Ein biografischer Roman (Innsbruck: Tyrolia-Verlag, 2017).