Der Weg zur Prosperität

Über Stephan Schulmeisters neues Buch

Man darf ohne weiteres davon ausgehen, die wirtschaftswissenschaftlichen Grundlagen der neo-liberalistischen Ideologie seien so erschüttert, dass sie nur noch Trümmern gleichen. Dazu gibt’s inzwischen jede Menge Literatur – so viel, dass wir gar nicht anfangen wollen, hier solche zu zitieren.

Was natürlich nicht bedeutet, das Problem habe sich gelöst. Dass dem nicht so ist, das hören, sehen und erfahren wir jeden Tag. Macht hat der Neo-Liberalismus nach wie vor, und das ist ja auch kein Wunder, wenn man bedenkt, dass eben dies seine Aufgabe darstellt, seine raison d’être: als Ideologie im Dienste der Reichen und Mächtigen. Folglich werden wir uns noch einige Zeit mit den nachteiligen Auswirkungen dieser Herrschaft herumschlagen müssen.

Eben deshalb ist es wichtig, den kritischen Druck aufrecht zu erhalten. Wir können gar nicht genug wissen, wir können gar nicht genug lernen über die Schwächen, die Mängel, die Widersprüche des Neo-Liberalismus – und seine Lügen.

Deswegen widmet Stephan Schulmeister sein neues Buch Der Weg zur Prosperität wohl auch den „Neoliberalen in allen Parteien, in den Medien und in der Wissenschaft“. Das verweist auf Friedrich Hayeks berühmtes Buch vom Weg in die Knechtschaft, The Road to Serfdom (1944), dem er die Widmung vorangestellt hat: „To the Socialists in all parties“. Man braucht Hayek nicht lange zu lesen, um zu verstehen, dass er das wirklich so meint: die Politiker des New Deal in den USA ebenso wie jene der Labour Party in Großbritannien oder – später – der Sozialdemokratie in Westeuropa. Als ob die unsere Freiheit bedroht hätten!

So weist Schulmeister also schon von Anfang an subtil-ironisch auf eine Lüge im Fundament des Neo-Liberalismus hin. Den Kern seines Buches bildet freilich die These von den beiden „Spielanordnungen“, wie er das nennt: der realkapitalistischen und der finanzkapitalistischen. In ersterer wird vorwiegend in materielle Produktion investiert, deshalb steigen auch die Löhne und somit der Wohlstand insgesamt. Das führt jedoch zu einem Überhang an Geldvermögen; es wird rentabler, nicht mehr selbst zu arbeiten, sondern – wie’s heißt – das Geld für sich arbeiten zu lassen: die finanzkapitalistische Spielanordnung. Dem Realkapitalismus ist sie abträglich. Krisen sind vorprogrammiert.

Beurteilen möchte ich Schulmeisters Thesen nicht; und wenn ich sie absichtlich kurz fasse, so hat das weder mit Kritik zu tun, noch mit Geringschätzung. Ganz im Gegenteil. Schließlich schlägt der Autor gegen Ende seines Buches ja auch eine erkleckliche Anzahl konkreter Ansätze vor, wie die unselige Herrschaft des Neo-Liberalismus aufgebrochen und überwunden werden könnte – der Weg (zurück) zur Prosperität. Diese Vorschläge zeugen von Sachverstand ebenso wie von seinem unverzichtbaren Adlatus, dem Hausverstand.

Keine Abwertung also, ganz gewiss nicht! Bloß sollte uns noch etwas klar werden, schön langsam: Man kann den Ökonomismus (also die Wirtschaftsdiktatur) nicht mittels ökonomischer Argumentation besiegen; ebenso wenig wie einst die kommunistische Diktatur überwunden werden konnte, indem man ihr Marx entgegenhielt. Im Gegenteil: Wir müssen uns von den ökonomistischen Fesseln befreien, wir müssen der Politik ihren Spielraum zurück erobern, der Demokratie. Es geht ums gestalten, nicht um die fatalistische Unterwerfung unter – angeblich – unabänderliche Gesetze der Marktwirtschaft.

Auch davon spricht Stephan Schulmeister, das soll ihm sehr zugute gehalten werden. In der „Marktreligiosität“ sieht er eine Abkehr von der Aufklärung. Das ist zwar kühn, aber durchaus zutreffend. Auf jeden Fall erzwingt dieser Gedanke geradezu die Konsequenz aufgeklärten Handelns. Ich würde mir wünschen, dass die sozialdemokratische Führungsschicht – sagen wir: die Parlamentsfraktionen in Wien und in Brüssel / Straßburg – Schulmeisters Buch aufmerksam studieren, seine Vorschläge aufgreifen und daraus ein klares Forderungsprogramm erstellen. Es wär’ höchste Zeit!

Dass solches nicht geschieht, offenbar auch nicht geschehen wird in absehbarer Zukunft, dafür kann der Autor natürlich nichts. Bleibt also nur, sein Buch zu loben, in höchsten Tönen: Ein Experte, der sich sein Herz bewahrt hat, den Blick für die menschliche Wirklichkeit, gleichzeitig aber auch seinen scharfen Verstand: a cool head for a warm heart.

Empfehlenswert? Ja, unbedingt – für Leute, welche sich mit der Thematik befassen, ein Muss.

Stephan Schulmeister, Der Weg zur Prosperität (Salzburg, München: Ecowin, 2018).

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