Gelesen

Namen, die keiner mehr nennt

„Ritt durch Masuren“ nennt sich eines der Kapitel im vorliegenden Buch. Wir bekamen es während unserer Busreise durch Polen letzten Herbst zu hören, und das war der Grund, warum ich die anderen Teile ebenfalls lesen wollte. Marion Gräfin Dönhoff  ist – war? – vorwiegend aus anderen Gründen bekannt: Chefredakteurin und Herausgeberin der Zeit, Grande Dame des gehobenen Journalismus in Deutschland, Mitstreiterin Helmut Schmidts. Sie stammte von einem hochherrschaftlichen Gut in Ostpreußen, nicht weit von Königsberg. Es ist eine versunkene Welt, die sie beschreibt – zerstört am Ende des Zweiten Weltkriegs, die alte Kultur ausgelöscht. Heute existieren – wenn überhaupt – nur noch Relikte. Die Autorin selbst entkam im Jänner und Februar 1945 der vorrückenden Roten Armee nur knapp, auf einem weiteren Ritt, dieses Mal aber gegen Westen. Auch davon berichtet sie, immer in unaufgeregt trockenem Ton. Verständlich, dass ihre Erinnerungen überwiegend liebevoll ausfallen – manchmal vielleicht ein bisschen zu sehr. Aber das beeinträchtigt weder die literarische noch die historische Qualität ihrer Aufzeichnungen.

Empfehlenswert? Ja, zweifellos.

Marion Gräfin Dönhoff, Namen, die keiner mehr nennt: Ostpreußen – Menschen und Geschichte (Düsseldorf und Köln: Eugen Diederichs, 1971).
Tote Seelen

Einen Schelmenroman erwartet man in der russischen Literatur nicht unbedingt, doch handelt es sich bei den Toten Seelen von Nikolaj Gogol um eben dies – genauer gesagt: beim ersten Teil des Romans, der Rest besteht nur aus Fragmenten. Pawel Iwanowitsch Tschitschikow, aufgewachsen in unscheinbaren Verhältnissen und mit undurchsichtiger Vergangenheit, taucht in einem Landkreis auf, um zwecks dubioser Geschäfte so genannte tote Seelen zu kaufen – also Leibeigene, die zwar gestorben sind, vorläufig aber noch auf den Steuerlisten der Gutsherren stehen. Solche Gutsbesitzer sucht der Held denn auch auf, einen nach dem anderen, und das ergibt ein Panoptikum aller möglichen, durchaus skurrilen Verhaltensweisen und Charaktere. Das Bild von der russischen Landwirtschaft, welches da gezeichnet wird, ist trostlos – und das schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (der erste Teil des Romans erschien 1842). Und die Verwaltung ist ebenso hoffnungslos korrupt. Auf der anderen Seite verdirbt westlicher Einfluss den Charakter – auch dies ein Motiv, welches wir aus späteren Werken der russischen Literatur kennen, bis hin zu Solschenizyn. Bei Gogol überrascht es insofern, als sich der Autor zwölf Jahre lang Europa anschaute – freiwillig. Was immer er dort gesehen haben mag: Ein Schuss „Westlertums“, so hat man das Gefühl, wär’ vielleicht doch nicht schlecht gewesen.

Empfehlenswert? Ja, unbedingt.

Nikolai W. Gogol: Die toten Seelen oder Tschitschikows Abenteuer, übers. von Alexander Eliasberg (Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1965).
Vater Goriot

Vater Goriot von Honorè de Balzac gehört zu dessen schier endlosen menschlichen Komödie, genauer: zur Unterabteilung Szenen aus dem Privatleben. Angesiedelt ist die Handlung im Paris des Jahres 1819 – also in jener Epoche, die als Restauration bezeichnet wird. Im Wesentlichen geht’s nur um eins: die Oberschicht, Aristokratie samt Reichtum. Wie kann man sich dort Zutritt verschaffen? Arbeit, und sei sie noch so gehoben, Karriere, und sei sie noch so erfolgreich – nichts kommt an ein Vermögen heran, welches jährlich ein hübsches Sümmchen an Zinsen abwirft. Und um an ein solches zu gelangen, gibt’s laut Balzac nur einen Weg: Erben. Wenn schon nicht selbst, dann indem man eine vermögende Erbin heiratet. Thomas Picketty hat diesen Roman jüngst hergenommen, um seine eigenen Thesen zum Kapital im 21. Jahrhundert zu illustrieren – mehr an Aktualität geht wohl nicht.

Empfehlenswert? Ja.

Honorè de Balzac, Vater Goriot, Übersetzung aus dem Französischen von Franz Hessel (Leipzig: Paul List Verlag, o. J.).

Thomas Picketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert (München: C.H. Beck Paperback, 2016).
Transcriptions

If you like spy stories you might like this book. It’s well written, no doubt, and the narrator seems lifelike enough. But then, of course, the same things could be said of a host of similar stories. Like all modern products of the genre, this one reveals not just one, but multiple layers of deception – fog is the metaphor used, not very surprisingly either.

Recommended? Well, not really – unless you’re looking for something light to read on your holidays.

Kate Atkinson, Transcriptions (London: Transworld Publishers, 2018).

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