Im Aquarium

[for an English version, see below]

Letzten Dienstag Abend hab’ ich gespannt die Abstimmungen im House of Commons mitverfolgt, dem britischen Parlament. Da ging’s bekanntlich um den Austritts-Vertrag, ausgehandelt mit der EU, genauer: um so genannte amendments, Abänderungsanträge dazu.

Aber das braucht uns hier nicht zu interessieren. Es wird dem Leser bekannt sein, zumindest in groben Zügen – und wenn nicht, dann spielt’s auch keine Rolle.

Mangels anderen Zugangs beobachtete ich das Geschehen auf Sky News, dem privaten Nachrichtenkanal. Und dort wurden die parlamentarischen Rituale samt ihren langen Pausen – „division, clear the lobby!“ – von einer Runde Experten begleitet, ebenso von Kommentatoren und von Interviews mit Abgeordneten. Endloses Geplapper also, wie könnte es anders sein, schließlich muss die Sendezeit gefüllt werden.

Was dabei auffiel, zumindest dem kontinentalen Zuschauer: Wie sehr die Debatte auf Westminster konzentriert blieb, also aufs Parlament plus die Regierung (die allerdings in Whitehall beheimatet ist), wie selten hingegen die EU zur Sprache kam, wie wenig Bedeutung ihr beigemessen wurde. Sicher, hin und wieder kam der Hinweis, dass die EU eine Neuverhandlung des eben erst unterzeichneten Vertrags ausgeschlossen habe. Aber das wurde nicht ernst genommen. Es gebe Signale, hieß es dann, erste Anzeichen… Das genügte, um sich munter wieder rein britischen Spekulationen hinzugeben: Was die Abstimmungen für die britische Premierministerin bedeuten, für die Tory-Party, wie dies oder jenes ihre Hand stärken oder schwächen könne.

Damit nahm der ganze Abend jedoch eine surreale Note an. Mir kam neuerlich das Bild von einem Aquarium in den Sinn [1]: Das mag auch so eingerichtet sein, dass es einem wirklichen Lebensraum draußen im Meer ähnelt, mit Sandboden, ein paar Felsbrocken vielleicht, Korallenstöcken. Und da tummelt sich dann allerlei Getier, geht seinen Lebensgewohnheiten nach, es mag sogar zu richtigen Rivalenkämpfen kommen. Die Bewohner mögen gänzlich vergessen, dass sie in einem künstlichen, eng begrenzten Habitat leben. Aber das ändert nichts an der Tatsache: Durchs Glas werden sie von draußen begafft.

Träfe dieses Bild zu, und sei’s nur zu einem kleinen Teil, dann hätten die Briten ein ziemliches Problem. Und das hat nicht bloß mit dem Brexit zu tun. Danach geht die Welt ja weiter, es werden weiterhin Entscheidungen zu treffen sein. Von einem Aquarium aus?

Wohlgemerkt – Häme ist keinesfalls angebracht. Was in Westminster beobachtet wird, das kann genau so gut auf die Zustände woanders zutreffen (und wird’s höchstwahrscheinlich auch). Zum Beispiel in Österreich.

Inside an aquarium

Last Tuesday evening I was watching the House of Commons voting on the so-called withdrawal deal, freshly negotiated with the EU, or more precisely: on a number of amendments to this deal.

But that’s not what we’re concerned with here. Readers will be familiar with all this, at least in broad terms – and if not, it really does not matter.

For lack of other access, I followed the action on Sky News, the commercial news channel. The parliamentary rituals with their long breaks – „division, clear the lobby!“ – were accompanied by a panel of experts, by commentators and by interviews with Members of the House. In a word: endless chatter – how could it be otherwise, after all the airtime has to be filled.

What seemed striking, at least to a continental observer: how much the debate remained focused on Westminster, i.e. Parliament plus government (although the latter is actually based in Whitehall); how rarely the EU was mentioned and how little importance was attached to it. To be sure, we heard hints every now and then that the EU had ruled out a renegotiation of the newly signed deal. But that was not taken seriously: There are signals, it was said, first signs… Enough for the participants to return cheerfully to purely British speculation: what the votes could mean for the British Prime Minister or for the Tory Party, and how this or that might strengthen or weaken her hand.

In this way, however, the evening took on a slightly surreal touch. The image of an aquarium came to mind: that may also be arranged to resemble a true habitat in the sea, with sandy bottom, a couple of small rocks perhaps, and a few corals; populated by all kinds of creatures, all leading their habitual lives. They may even engage in real fights with real rivals. Residents may forget that they are living in a limited, artificial habitat. But the fact remains: they are being gazed at from outside through the glass.

If this metaphor were true, even if only partially, the British would have a problem. And not just because of Brexit. Even after that, the world will continue; decisions will have to be made. From inside an aquarium?

Mind you – schadenfreude is hardly called for. What is being observed in Westminster can (and most probably will) apply to conditions elsewhere. For example in Austria.

[1] vgl. "Anmerkungen zum Brexit", 24. November 2017.