Das Paradox der Toleranz

Vor zirka zehn Tagen habe ich hier über Karl R. Poppers Paradox der Freiheit geschrieben, welches seiner Ansicht nach einen ökonomischen Interventionismus unumgänglich mache.[1] Interessanterweise kommt sein Paradox der Toleranz noch viel öfter zur Sprache. Häufig wird es einfach in die Worte gekleidet: Keine Toleranz gegenüber der Intoleranz!

Vielleicht zahlt es sich aus, die Passage einmal genauer anzusehen. Erstaunlicherweise steht sie gar nicht im eigentlichen Text, sondern in einer langen Anmerkung.

Weniger bekannt ist das Paradox der Toleranz: Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen. – Damit wünsche ich nicht zu sagen, daß wir z. B. intolerante Philosophien auf jeden Fall gewaltsam unterdrücken sollten; solange wir ihnen durch rationale Argumente beikommen können und solange wir sie durch die öffentliche Meinung in Schranken halten können, wäre ihre Unterdrückung sicher höchst unvernünftig. Aber wir sollten für uns das Recht in Anspruch nehmen, sie, wenn nötig, mit Gewalt zu unterdrücken; denn es kann sich leicht herausstellen, daß ihre Vertreter nicht be­reit sind, mit uns auf der Ebene rationaler Diskussion zusammenzutreffen, und beginnen, das Argumentieren als solches zu verwerfen; sie können ihren Anhängern verbieten, auf rationale Argumente – die sie ein Täuschungsmanöver nennen – zu hören, und sie werden ihnen vielleicht den Rat geben, Argumente mit Fäusten und Pistolen zu beantworten. Wir sollten daher im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch nehmen, die Unduldsa­men nicht zu dulden. Wir sollten geltend machen, daß sich jede Bewegung, die die Intoleranz predigt, außerhalb des Gesetzes stellt, und wir sollten eine Aufforderung zur Intoleranz und Verfolgung als ebenso verbrecherisch be­handeln wie eine Aufforderung zum Mord, zum Raub oder zur Wiederein­führung des Sklavenhandels.[2]

Der Kernsatz – der Slogan, wenn man so will – lautet also: Wir sollten im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch nehmen, die Unduldsamen nicht zu dulden. (Im englischen Original: We should therefore claim, in the name of tolerance, the right not to tolerate the intolerant.)

Das klingt einleuchtend, kaum jemand wird widersprechen. Aber vielleicht liegt genau da der Hund begraben – denn die Regel bleibt trotz aller Bemühungen Poppers so vage, dass sie praktisch kaum angewendet werden kann.

Wann ist jemand, wann ist eine Bewegung oder eine Partei so „unduldsam“, so „intolerant“, dass wir unser Recht in Anspruch nehmen sollen und müssen? Machen wir uns nichts vor: Fäuste und Pistolen werden nicht immer gleich zum Einsatz kommen – und wenn, dann wird’s wahrscheinlich schon zu spät sein für die Toleranten!

Konkret: Ist die FPÖ heute, hier in Österreich, so ein Fall?

Anwendung physischer Gewalt gegenüber Andersdenkenden wird man ihr kaum vorwerfen können. Aber wie steht’s um rationale Argumente, wie steht’s um die Bereitschaft ihrer Anhänger, auf solche zu hören? Wie steht’s um das Gebot, die Regeln einer Diskussion einzuhalten (z. B. andere nicht in Grund und Boden zu reden), Lügen nicht unverschämt als Wahrheit auszugeben und Wahrheit nicht ebenso unverschämt als Lüge (Fake News)? Und wie steht’s schließlich um die Duldung gewaltgetränkter Sprache bei den Anhängern, die Züchtung von Gewaltphantasien, ihren schamlosen Ausdruck?

FPÖ Fails, 6. Januar 2019 (Screenshot)

Und wenn jemand die oben gestellte Frage – Ist die FPÖ so ein Fall? – positiv beantwortet, wenn da also Poppers Paradox der Toleranz zum Tragen käme: was dann? Schließlich wurde die FPÖ in einer demokratisch makellosen Wahl von einem erklecklichen Anteil der Stimmberechtigten (26 Prozent) gewählt. So ohne weiteres wird man sie kaum vom demokratischen Prozess ausschließen können.

Was, Herr Popper, würden Sie in so einer Situation wohl vorgeschlagen haben?

[1] „Ökonomischer Interventionismus“, 10. Januar 2019.

[2] Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, I: Der Zauber Platons (Tübingen: Francke Verlag, 6. Auflage 1980), S. 359. Es handelt sich um einen Teil der Anm. 4 zum 7. Kapitel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*