Wer vertritt die Wähler?

[for an English version, see below]

Irgendwie fühlt man sich beinahe gezwungen, etwas zum Brexit zu sagen, genauer: zu der katastrophalen Niederlage, welche die Regierung gestern im House of Commons erlitt. Da wurde ihr Austrittsabkommen praktisch zerknäult und in den Papierkorb geworfen. Angeblich hat es eine derart deutliche Abfuhr im britischen Parlament bisher überhaupt noch nie gegeben.

Sky News 15 January 2019 (Screenshot)

Aber was soll man sagen? Der Äther ist ohnehin schon erfüllt von unablässigem und unentrinnbarem Gezwitscher und Geschnatter: Bla-bla-bla, plätscher-plätscher-plätscher.

Vielleicht ist es trotzdem möglich, einen Schritt zurück zu treten und einen etwas distanzierteren Blick auf das Treiben in London zu werfen. Und vielleicht hilft da ein Wortwechsel, der heute offenbar im Unterhaus stattgefunden hat, während der Debatte zum Misstrauensantrag gegen die Regierung. Beteiligte sind die Premierministerin Theresa May und jener Kenneth Clarke, der hier schon einmal ausführlich zitiert worden ist [1]:

Auf die Frage, ob sie eine Zollunion mit der EU ausschließe, sagt die Premierministerin, sie wolle das verwirklichen, wofür die Menschen gestimmt haben.

Der altgediente konservative Parlamentsabgeordnete Ken Clarke sagt, er habe noch nie gehört, dass jemand, der für den Brexit gestimmt hat, auch für den Austritt aus der Zollunion gestimmt habe oder dafür, dass Handelsbarrieren zwischen Großbritannien und Europa bestehen sollten.

Er sagt, die Premierministerin fühle sich dem Ziel verpflichtet, die offenen Grenzen mit der EU zu wahren, betont jedoch: „Nirgendwo auf der Welt gibt es zwei Industrieländer, die eine offene Grenze haben, ohne eine Zollunion zu haben.“

Theresa May sagt, die Menschen hätten dafür gestimmt, dass sie gute Handelsbeziehungen mit der EU haben, aber auch mit anderen. Das Abkommen, welches von den Abgeordneten abgelehnt wurde, hätte das ermöglicht. [2]

Zwei Dinge scheinen mir bemerkenswert:

Erstens: Was Kenneth Clarke sagt, ist unzweifelhaft wahr. Beim Referendum gelangte eine einfache Frage zur Abstimmung – Leave oder Remain –, nicht aber, wie sich die Briten den Austritt vorstellten. Dazu gibt’s bestenfalls die Ergebnisse von Meinungsumfragen, ansonsten kann nur spekuliert werden. Theresa May hingegen hat sich von Anfang an darauf versteift, dass nur ihr Weg, nur ihre Lösung den Wählerwillen repräsentiere – so auch hier gegenüber Kenneth Clarke. Auf seine Frage, ob sie eine Zollunion in Betracht ziehe, antwortet sie genau so stereotyp (und ausweichend), wie sie das seit mehr als zwei Jahren getan hat: Sie werde das verwirklichen, wofür die Leute stimmten.

Zweitens: Das sagt sie, nachdem sie eben erst besagte Niederlage im Parlament erlitten hat. Aber was soll das heißen – dass die demokratisch gewählten Abgeordneten, welche gegen den Vorschlag der Regierung stimmten, die Wähler nicht vertreten? Dass nur sie, Theresa May, und sie allein „die Leute“ repräsentiert? Das wäre, zu Ende gedacht, ein Torpedo gegen die parlamentarische Demokratie.

Aber zu Ende denkt natürlich niemand, weder in Westminster noch sonst wo, nicht in diesen Tagen. Meine spontane Reaktion gestern, als das Abstimmungsergebnis bekannt gegeben wurde: Sie sollte zurücktreten. Vielleicht sollte sie’s wirklich. Vielleicht könnte jemand anderer an ihrer Stelle ein bisschen flexibler mit dem heiklen Problem umgehen, vielleicht könnte er oder sie solcherart sogar neue Mehrheiten finden?

Aber sie wird’s nicht tun. Im Gegenteil. Wenn der Misstrauensantrag heute Abend scheitert, dann wird sie das Gefühl haben, noch fester im Sattel zu sitzen als zuvor. Die Misere geht weiter.

Voter representation

Somehow you almost feel compelled to say something about Brexit, or more precisely, the catastrophic defeat the government suffered yesterday in the House of Commons when their withdrawal agreement was practically crumpled and thrown into the bin. Allegedly, there has never been such a disastrous defeat in the British Parliament before.

But what can you say? The airspace is already filled with incessant and inescapable chirping and chattering: Bla-bla-bla, chitter-chatter, chitter-chatter.

Maybe it’s possible all the same to step back for a moment and take a more detached look at what’s going on in London. And perhaps an exchange will help that apparently took place in the House of Commons today during the debate on the motion of no confidence in the present government. Participants are the Prime Minister Theresa May and Kenneth Clarke MP, who has been quoted here in some detail before [3]:

Asked whether she is ruling out a customs union with the EU, the prime minister says she wants to deliver on what people voted for.

Veteran Conservative MP Ken Clarke says he has never heard anyone who voted for Brexit tell him that they were voting to leave the customs union, or that there should be trade barriers between the UK and Europe.

He says the PM is committed to keeping open borders with the EU, but points out: „There is nowhere in the world where two developed countries are able to have an open border unless they have a customs union.“

Theresa May says people voted to ensure they have a good trading relationship with the EU, but others as well. The deal that was rejected by MPs would have delivered that. [4]

Two things strike me as remarkable:

First, what Kenneth Clarke says is undoubtedly true. In the referendum, a simple question was put to the vote – Leave or Remain – but not how the British envisioned a withdrawal. At best, an answer can only be found in the results of opinion polls, otherwise it is a matter of speculation. Theresa May, however, has insisted from the beginning that only her approach, and only her proposal represent the will of the electorate – as she’s doing here in her reply to Kenneth Clarke. Asked whether she is considering a customs union, she is answering as stereotypically (and evasively) as she has done for more than two years: she will deliver what people voted for.

Secondly, this is being said shortly after she has suffered her notorious defeat in Parliament. But what does that imply – that the democratically elected MPs who voted against the government’s proposal are not representing voters? That only she, Theresa May, and she alone is representing „the people“? If you think this through, the concept turns into a torpedo against parliamentary representation.

But of course nobody is thinking things through, neither in Westminster nor anywhere else, not in these days. My spontaneous reaction yesterday, when the vote was announced: she should resign. Maybe she should really. Maybe someone else in her place could find a more flexible approach to this delicate problem? And thus, maybe he or she could even find new majorities?

But she won’t do it. On the contrary – if the motion of no confidence fails this evening, she will feel she is holding to the reigns even faster than before. The misery will continue.

 

[1] „Der Teufel steckt im Referendum“, 27. August 2017.

[2] “Tory MP questions PM's approach to customs union”, BBC News: House of Commons, 16 January 2019. Meine Übersetzung.

[3] see [1].

[4] see [2].

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