Vergessener Jahrtag

Vor etwas mehr als zwanzig Jahren, genau am 18. Dezember 1998, verfolgte ich im Fernsehen mit, wie Cruise Missiles in Bagdad einschlugen. Die Bilder stammten von einer Kamera, welche CNN-Reporter am Dach ihres Hotels aufgestellt hatten (sie selbst hatten sich im Keller verkrochen).

Der Angriff erfolgte im Rahmen der viertägigen Operation Desert Fox und sollte Saddam Hussein dafür bestrafen, dass er UN-Inspekteure auf der Suche nach Massenvernichtungswaffen nicht gebührlich unterstützt oder gar behindert hatte.

BBC World Service 1998

Die Bilder zeigten die abendlich beleuchtete Stadt, am jenseitigen Ufer des Flusses konnte der Zuseher Gebäude ausmachen, eine weiße Kuppel im orientalischen Stil. Plötzlich erklang nervöses Flak-Feuer, Leuchtspurmunition durchzog den Nachthimmel über den Häusern. Dann dicke, grelle Feuerkugeln, dumpfe Detonationen.

Und wir saßen da, in unserem Wohnzimmer, und schauten zu. So wie – na ja, die ganze Welt wird’s nicht gerade gewesen sein, aber doch, sagen wir, Hunderttausende?

Als gelerntem Österreicher kam mir unweigerlich eine Szene aus Karl Kraus’ Die letzten Tage der Menschheit in den Sinn:

Kriegshauptquartier, Kinotheater. In der ersten Reihe sitzt der Armeeoberkommandant Erzherzog Friedrich. Ihm zur Seite sein Gast, der König Ferdinand von Bulgarien. Es wird ein Sascha-Film vorgeführt, der in sämtlichen Bildern Mörserwirkungen darstellt. Man sieht Rauch aufsteigen und Soldaten fallen. Der Vorgang wiederholt sich während anderthalb Stunden vierzehnmal. Das militärische Publikum sieht mit fachmännischer Aufmerksamkeit zu. Man hört keinen Laut. Nur bei jedem Bild, in dem Augenblick, in dem der Mörser seine Wirkung übt, hört man aus der vordersten Reihe das Wort:
Bumsti!

Wie kann man so was machen – die Live-Show einer Bombardierung? Während dort die Leute irgendwo in einer Ecke kauern, praktisch schutzlos?

Machen wir uns nichts vor: Das haben auch Hunderttausende gesehen, mitbekommen – aber andere. Warum wundern wir uns eigentlich so über den militanten Islamismus, über islamistischen Terror? Nine-eleven? Wie konnten wir da moralisch entrüstet spielen?

Zu meinem Befremden habe ich festgestellt, dass sowohl der englische als auch der deutsche Wikipedia-Beitrag zu Operation Desert Fox lediglich militärische Bilder zeigt: eine Cruise Missile, die eben abgeschossen wird; ein amerikanischer Bomber; zwei weibliche Jagdbomber-Pilotinnen. Da wird die aseptische Version einer klinisch-exakten Strafaktion aufrecht erhalten. Über die andere Seite erfahren wir wenig. Was zivile Opfer angeht, so ist bloß die Rede von „dozens“, Dutzenden – in der englischen Version. In der deutschen: kein Wort.

„Operation Desert Fox“, BBC World Service: Witness, 16 December 1998.

Karl Kraus, Die letzten Tage der Menschheit, Teil I (München: dtv, 1969); II. Akt, 28. Szene, S. 231.

„Bombing of Iraq (1998)“, Wikipedia: The Free Encyclopedia, 4 January 2019.

„Operation Desert Fox“, Wikipedia: Die freie Enzyklopädie, 13. November 2018.

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