Das R-Wort und das F-Wort

 In den vergangenen Tagen haben private Drohnen den Flughafen Gatwick im Süden von London für mehr als 36 Stunden lahmgelegt. Das Chaos kann man sich vorstellen, so knapp vor Weihnachten; vielleicht auch das daraus resultierende Elend der betroffenen Passagiere.

Wer genau hinter der Aktion steckt, ist bis dato unbekannt; ein Mann und eine Frau sind inzwischen zwar verhaftet worden, aber mehr wissen wir nicht.[1] Auf jeden Fall erfolgte die Störung äußerst geschickt, die Täter spielten mit den Sicherheitskräften Katz und Maus. Gegenmaßnahmen brauchten lange, bis sie überhaupt ergriffen wurden, und selbst dann schienen sie nicht wirksam genug zu sein, um gleich einen sicheren Flugverkehr zu gewährleisten.

Wie kann so was passieren?

Gute Frage. Denn dass es früher oder später zu einem schweren Zwischenfall kommen würde, das war abzusehen. Leichtere hatte es in den vergangenen Jahren genug gegeben, und das mit steigender Häufigkeit – weniger als zehn im Jahre 2014, mehr als 90 im Jahr 2017.[2] Bloß hat man die Konsequenzen verdrängt. Zumindest war das mein Eindruck.

Das mochte auch daran gelegen haben, dass Gegenmaßnahmen offenbar schwer zu ergreifen sind – zumindest nicht so einfach, wie sich das ein Laie vorstellen und wünschen mag. Selbst der Einsatz von Spezialeinheiten des Militärs konnte die Situation in Gatwick nicht sofort entschärfen.

Andererseits sind Drohnen natürlich leicht erhältlich, und zwar für jedermann. Nicht unweit des Flughafens, so las ich irgendwo, fand ein Reporter eine Art Drohnen-Supermarkt mit reichem Sortiment. Und die Software dieser Dinger – nun, ich versteh’ nichts davon, aber man kann sich wohl vorstellen, was da heutzutage alles möglich ist an Verschlüsselung und künstlicher Intelligenz; Schlingel-Intelligenz in diesem Falle, aber die ist bekanntlich besonders findig – und heimtückisch.

So wurde denn im Kommentariat (d. h. unter Meinungsjournalisten) plötzlich wieder das verpönte R-Wort laut: Regulierung. Ansonsten ist es, wie wir alle wissen, tabu. Und deshalb gibt’s in Großbritannien zwar Gesetze, die festlegen, was man mit Drohnen tun darf und was nicht – aber es gibt keine Kontrolle, keine Kontrollmöglichkeit. Wirksam werden diese Gesetze samt ihren Strafen folglich erst, wenn sich so ein Fernsteuerungspilot erwischen lässt.

Wenn man bedenkt, wie viele Drohnen sich inzwischen in Privatbesitz befinden, dann wird schnell klar, wie selten das der Fall sein wird. Denn es geht ja nicht bloß um den Flugverkehr. Es geht auch um Autostraßen und Autobahnen. Ums Spazierengehen auf freiem Feld: da ist mir vor nicht allzu langer Zeit so eine Drohne bedenklich nahe gekommen, wenn dem Piloten der geringste Fehler unterlaufen wäre an seinem Steuergerät –

Und es geht auch um folgendes Szenario: halbstarke Burschen in einer Wohnsiedlung, die sich solche Drohnen zulegen. Wie könnten die ihre Mitmenschen terrorisieren! Nahe an Balkone und Fenster fliegen, Bilder machen und ins Internet stellen. Ganz abgesehen einmal vom Geräusch.

Was will man da regulieren?

Gut, man könnte Drohnenbesitzer registrieren. Aber was wäre mit all jenen, die früher solche Geräte gekauft haben und dies nicht melden wollen? Und würde das in Zukunft illegalen Besitz oder illegalen Betrieb ausschließen?

 Nein; das Gescheiteste wäre schlicht und einfach – Verbieten. Den freien Verkauf untersagen. Eine Drohne bekommt nur noch, wer nachweisen kann, warum und wozu er sie braucht, und wer dafür die nötigen Qualifikationen aufweist. Das Problem wäre gelöst – wenn nicht hundertprozentig, so doch zu einem großen Teil.

Bloß: Genau so hätte man’s bisher auch schon lösen können. Warum ist’s nicht geschehen? Nun, das liegt unter anderem am F-Wort: Freiheit. Im Unterschied zum R-Wort ist die nicht tabu, sondern sakrosankt. Da darf nicht dran gerührt werden!

Man kann doch nicht alles verbieten, heißt’s dann.

Mag sein. Im Falle der Drohnen jedoch – warum eigentlich nicht?

Ihre Gefährlichkeit ist erwiesen, auch in großem Rahmen: siehe Gatwick. Ihr Nutzen für den privaten Konsumenten? Was verlöre er? Wie viel ist seine Freiheit, eine Drohne zu fliegen, wohl wert im Vergleich mit dem Schaden, den er anrichten kann, der Gefährdung anderer?

Die Antwort liegt auf der Hand: Nichts.

Aber dann müssen wir uns natürlich noch etwas klarmachen: Beim F-Wort geht’s gar nicht um den privaten Konsumenten, zumindest nicht vorrangig. Es geht um den Drohnen-Supermarkt. Es geht um die Firmen, um die Konzerne, die ihn mit ihren Produkten beliefern. Es geht nicht um die Freiheit zu kaufen – es geht um die Freiheit zu verkaufen! Das ist der eigentliche Grund, warum das F-Wort so sakrosankt ist.

[1] Ich schreibe am Abend des 22. Dezember 2018. Vergleiche „Gatwick drones: Man and woman from Crawley held“, BBC News, 22 December 2018.

[2] vgl. „Sky battles: Fighting back against rogue drones“, BBC News, 12 October 2018.

 

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