Ich tu’s nie wieder

Über Briten, Brexit und das Buch eines deutschen Journalisten

Ja, ich geb’s zu. Ich hab’s wieder getan. Ich wollt’ nicht, aber die Versuchung war einfach zu groß.

Ich hab’ wieder ein Buch von einem deutschsprachigen Journalisten gekauft. In diesem Falle handelt es sich um Jochen Buchsteiner, und der Titel lautet Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie. Klang ja auch zu verführerisch. Ich les’ sehr viel über den Brexit, aber auf Englisch. Da müsste eine andere, eine kontinentale Sichtweise doch interessant sein, oder?

Jochen Buchsteiner, so erfahren wir, Jahrgang 1965, berichtet als Korrespondent der FAZ aus London. Möglicherweise haben wir damit das Problem seines Buches bereits benannt. Was dem Leser als erstes auffällt, ist nämlich der Stil, der da praktiziert wird. Breezy, würde man auf Englisch wahrscheinlich sagen: atemlos, immer ein bisschen hastig. Und natürlich so obenhin, über drüber:

„Die Briten fordern die Ordnung Europas nicht zum ersten Mal heraus“, beginnen wir zu lesen. „Als König Heinrich VIII. vor einem halben Jahrtausend…“ Für einen Kenner der britischen Debatte ist das Argument nicht neu – wovon mehr später. Doch eilig geht’s weiter, Seite um Seite. Nun ist die Rede bereits von der Französischen Revolution: „Die Briten verlegten die Revolution gewissermaßen von innen nach außen – und von der Politik in die Wirtschaft. Der Kolonialismus rückte ins Zentrum der Staatsgeschäfte, und der moderne Kapitalismus entfesselte sich…“

Wie bitte? Der Zusammenhang zwischen Revolution und Kolonialismus bleibt nebulos, abgesehen vielleicht von einer zeitlichen Koinzidenz. Aber das ist eben das Verstörende an dieser Argumentation: Wenn man sich einigermaßen auskennt in der britischen Geschichte, dann lässt sich mit einigem Nachdenken schon erkennen, worauf der Verfasser Bezug nimmt, welche Fakten er da großzügig (und zumeist stillschweigend) verknüpft. Insofern könnte mit sehr, sehr viel Wohlwollen eingeräumt werden: Ja, so kann man das auch sehen. Bloß kann man’s genau so gut anders sehen. Das Gegenteil ist ebenso wahr – und historisch vermutlich besser untermauert. Aber das wär‘ halt so pedantisch! Schmissige Formulierungen würden sich daraus keine ergeben.

Nicht umsonst hegt Herr Buchsteiner eine unübersehbare Schwäche für den erzkonservativen Erz-Brexiteer (Brexit-Befürworter) Boris Johnson. Ausgerechnet! Aber in diesem Falle ist die Sympathie gar nicht so überraschend. Von Johnson wurde gesagt, er sei nur zu verstehen, wenn man in Rechnung stelle, dass er eigentlich Journalist sei, Meinungsjournalist: Dass es ihm nur um die sensationelle Schlagzeile gehe, welche er sich übers Wochenende ausgedacht habe. Sachliche Irrtümer? Ungenauigkeiten? „Geht nicht“? Das sind kleinliche Einwände langweiliger Pedanten. Widerspruch, Aufschrei, womöglich gar Skandal? Gut so – sorgt für Aufmerksamkeit.

So weit geht unser FAZ-Reporter freilich nicht. Seine Argumentation stammt jedoch ganz eindeutig von Boris Johnson und seinesgleichen – von einer ganzen Schar konservativer Politiker und Journalisten. Da wird schon seit längerer Zeit fleißig an einem britischen (vorzugsweise: englischen) Heldenmythos gebastelt. Die Briten (Engländer) hätten demnach immer schon gewusst, wo’s lang geht, immer um eine Nasenlänge voraus – nicht bloß seit Henry VIII (siehe oben), sondern schon seit der Magna Carta (1215), die in unserem Bändchen natürlich auch ihren Auftritt haben muss. Und deshalb, so die Folgerung, wüssten sie’s jetzt auch wieder besser, wenn’s um die EU geht.

Daher der Titel des Buches. Die Briten, so will es zeigen, die denken nicht in großartigen Programmen, geschweige denn in Utopien. Das tun bloß die Europäer, sehr zu ihrem eigenen Schaden, wie die letzten hundert, zweihundert, dreihundert oder vierhundert Jahre gezeigt haben – je nachdem, wie weit man ausholen möchte. Die Briten eilten hingegen von Erfolg zu Erfolg, die haben die moderne Welt erfunden und geschaffen (wie sie sich selbst so hartnäckig bestätigen), indem sie immer pragmatisch blieben, improvisierten, indem sie ihrem (selbst attestierten) Volkssport frönten: muddling through,  durchwursteln.

Bloß hieße das, übertragen auf heute: Die konservativen Brexiteers mit ihrer Vision von einem Neuen Goldenen Zeitalter, Rule Britannia, mit ihrem Dogma vom freien Markt und vom Freihandel – das sollen heute die Pragmatiker sein, während die EU-Vertreter verblendet wären von abstraktem Denken, von Utopien? Aber wo, wenn nicht in der EU, sind Kompromisse und Improvisieren zu Hause? Muddling through nicht bloß als charakteristische Methode, sondern schlicht und einfach – die einzige?

Wenn man mit dem Nachdenken so weit gekommen ist, dann bleibt nicht mehr viel übrig von der angeblichen europäischen Utopie. Fliehen mögen die Briten sehr wohl, aber aus anderen Gründen. Historische Analogien, das sollten wir inzwischen vielleicht doch begriffen haben, sind wertlos. Und das ist nun eigentlich das Problem unseres flotten FAZ-Korrespondenten. Der Titel verspricht, was sein Büchlein nicht hält.

Aber dann: aus Schaden wird man klug, oder? Sollte man zumindest. Ich hab’s mir jedenfalls vorgenommen, ganz ganz fest: Ich tu’s nie wieder!

Jochen Buchsteiner, Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie (Reinbek b. Hamburg: Rowohlt, 2018).

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