Wir

„Wie wir über die Schulreform denken“, deutet schon das Titelblatt der Kronenzeitung am 3. Oktober 2018 an; da stehen die Worte unter einem Bild zweier grinsender Buben, die ihrerseits wieder eine Seite der – erraten, ja – der Kronenzeitung in Händen halten.

Ich weiß das, weil unser Haushalt wieder einmal Testleser sein darf. Vierzehn Tage lang liegt in der Früh ein Gratisexemplar im Briefkasten.

Und das ist nicht uninteressant, finde ich. Besonders wenn man die Ergüsse nicht ständig sieht, sondern nur ab und zu. Da ist man nicht abgestumpft. Da schlägt einem die geballte Kronenladung ungehindert ins Gesicht.

Im Blattinneren dann die fette Schlagzeile, über zwei Seiten: „Wie wir über die Reform denken.“ Fragt sich bloß: Wer ist Wir?

Im ersten Moment ist man versucht, an einen pluralis majestatis zu denken. Da hätte die Krone dann ganz offen das Szepter ergriffen. Oder so ähnlich.

Oder es handelt sich um die Redaktion. Oder vielleicht um Christoph Dichand samt dieser? Oder so?

Oder um die Leser der Kronenzeitung. Aber ein solcher bin ich in diesem Moment ja selbst – doch dass die Krone für mich sprechen könnte, dass sie dies überhaupt je wollte, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Das kann man getrost ausschließen.

Also dann vielleicht nur die Stammleser? Aber wer darf als solcher zählen? Die Abonnenten?

Gewiss, ja, die Schlagzeilen-Behauptung wird durch eine Umfrage untermauert, Frage des Tages: „Zurück zum klassischen Notensystem – gut so?“ Grüner Balken Ja, 93%. Roter Balken fast nicht auszumachen.

Also doch?

41.176 Teilnehmer, lesen wir klein gedruckt, Stand 20 Uhr (welcher Tag, das wird nicht gesagt). Und woher kommen die? „Krone.at-Voting“. Davon kann jetzt ein jeder halten, was er will (oder sie, versteht sich).

Das Entscheidende ist doch dies: die Erzeugung des Wir-Gefühls. Ein vages Zusammengehörigkeitsgefühl. (Früher hätte man klar und einfach gesagt: dumpf.) Wir sind Wir. Wir sind das Volk. Und wer anders denkt, über die Schulreform zum Beispiel oder über sonst was, oder womöglich gar überhaupt? Nicht mehr Wir? Nicht mehr das Volk?

Unsereins lächelt – was für ein Unsinn! – zuckt die Achseln. Aber man soll sich bekanntlich nicht täuschen. Was, wenn dieses Wir-Gefühl, induziert via Krone, viel stärker wirkt, als sich das so verwehte Indis (Individualisten) wie der Schreiberling dieser Zeilen vorzustellen vermögen? Was, wenn es bereits viel mächtiger geworden ist, als wir annehmen? Wenn es die Zukunft bestimmt?

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