Flucht, Liebe und Überleben

Über Niko Hofingers Roman «Maneks Listen»

Zehn Jahre lang, von 1976 bis 1986, war Ernst Beschinsky der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Innsbruck. Sein Grab findet sich im jüdischen Sektor des Westfriedhofs. Ungefähr fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod stellte sich allerdings heraus, dass es zwei Männer mit derselben Identität gab – und der Innsbrucker Beschinsky war nicht der echte. Eigentlich hieß er Emanuel Willner, gerufen Mano oder auch Manek, und stammte aus Galizien, damals Teil der Donaumonarchie, später polnisch.

Ein Skandal? Nicht ganz. Denn der echte dürfte vom unechten gewusst haben – schließlich handelte es sich um alte Freunde aus Wien! So eröffnete sich aufgrund zäher Nachforschungen eine atemberaubende Geschichte von Flucht, List, vom Geschick, den Verfolgern stets um Haaresbreite voraus zu sein: Chuzpe. Doch handelt die Geschichte ebenso von einer lebenslangen Liebe, vom Mut und der Standfestigkeit einer jungen Tirolerin, und deshalb letztlich auch vom Überleben.

Auf österreichischer Seite recherchierte der Innsbrucker Historiker Niko Hofinger in dieser Causa. Die TV-Dokumentation des israelischen Filmemachers Yair Lev brachte sie erstmals an die Öffentlichkeit. Doch blieb vieles vage, wenn nicht gar ungeklärt – es konnte auch kaum anders sein. Vermut­lich hat sich Niko Hofinger deshalb entschlossen, einen Roman zu schreiben.

Als Erzähler fungiert der verstorbene Ernst Beschinsky II, also Manek Willner – daher der Titel.

(Aber warum gleich Maneks Listen? Zwar kommen im Buch ein paar solcher vor, aber bedeutende Rolle spielen sie keine. Die Anbiederung erscheint mir – man entschuldige bitte den Ton – deppert. Wahrscheinlich stammt der Titel ja vom Verlag. Den möchte man außerdem gerne fragen, wie’s zum eigenartig kleinen Buchformat kommt. Das hat nämlich zur Folge, dass auf den zahlreichen Abbildungen praktisch nichts zu erkennen ist.)

Diesem Manek also verleiht Niko Hofinger eine Stimme – und er tut das gekonnt, stilgerecht (bis auf ein, zwei Schnitzer) und somit glaubwürdig. Da beweist ein Historiker beträchtliches Talent als Schriftsteller, und das verdient Bewunderung. Das Buch ist von Anfang bis Ende spannend, amüsant, gleichzeitig doch auch erhellend. Mich hat, als ich die Fernseh-Dokumentation sah, die Frage geplagt, warum sich dieser Manek Willner, ohnehin schon jüdisch, auf der Flucht vor seinen Nazi-Verfolgern ausgerechnet eine neue jüdische Identität zulegte!

So lässt Niko Hofinger seinen Protagonisten antworten: „Ich musste mir eine Geschichte suchen, die glaubwürdig war, weil damals an jeder Zollstation und auf jedem größeren Bahnhof selbsternannte Spezialisten für Juden-Erkennung lauerten. Ich sah nach den von Hobby-Antisemiten empirisch-wissenschaftlich gesammelten Kriterien ganz eindeutig aus wie ein Wiener Jud. […] Und natürlich war ich beschnitten und wäre schon beim ersten Fingerzeig auf meine Hose gnadenlos aufgeflogen. Mein Ernst Beschinsky, der war gut. Ich kannte seine Geschichte […].“

Ein gelungener Roman also, auch und gerade stilistisch, was bei literarischen Produkten heimischer Provenienz ja keineswegs vorausgesetzt werden kann. Und trotzdem bleibt da ein Aber. Denn im Grunde geht’s Niko Hofinger ja doch um Geschichte, um Fakten und um Dokumentation. Davon zeugen die seitenlangen klein gedruckten Danksagungen am Ende des Buches. Man staunt, wie viele Archive, Institute und Dokumentationszentren es gibt, und wie viele Menschen da offenbar ihren Lebensunterhalt verdienen.

Die Romanform erlaubt es, Lücken zu füllen, Erklärungen zu liefern, die in keinem Dokument aufscheinen, gar nicht aufscheinen könnten. Bloß – wo hört die historische Dokumentation auf, wo fängt die Phantasie an? Über lange Strecken erhebt sich die Frage nicht, das gebe ich zu – Beweis von Hofingers erzählerischem Geschick; aber manchmal eben doch, zum Beispiel wenn Manek, der Erzähler, seiner giftigen Verachtung Israels Luft macht.

Damit man mich recht versteht: Das ist keine Kritik. Ich wüsste selbst nämlich auch nichts Besseres. Anders würde man diese Geschichte kaum so gut erzählen können wie hier. Verschiedene Schriftarten vielleicht? Aber wie pedantisch wäre das, fein säuberlich getrennt?

Trotzdem – die Frage bleibt:  Gewusst, Herr Hofinger, oder erfunden?

Niko Hofinger, Maneks Listen, Roman (Innsbruck: Limbus Verlag, 2018).

Nachtrag: Man macht mich darauf aufmerksam, dass der Titel auch anders verstanden werden kann: Listen als Plural von List. Schön. Aber wie viel ändert das an der Anbiederung?

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