Teschen lässt grüßen

Über „Das Scheitern Mitteleuropas 1918–1939“ von Walter Rauscher

Mitteleuropa ist ein vielgesichtiger Begriff. Er hat eine lange Geschichte und erfuhr etliche, nicht immer erfreuliche Deutungen. Der Historiker Walter Rauscher schränkt ihn deshalb auf jene Staaten ein, die entweder aus der Konkursmasse der Donaumonarchie entstanden sind oder sich Teile selbiger einverleibten. Es handelt sich in grob nord-südlicher Reihenfolge um Polen, die Tschechoslowakei, Österreich, Ungarn, Rumänien sowie das Königreich Jugoslawien. Ausgeklammert bleiben demzufolge die baltischen Staaten sowie das Königreich Bulgarien. Man mag das als Lücke empfinden, doch muss man dem Autor zugestehen, dass er sich sein Arbeitsfeld selbst aussuchen kann (und muss). In diesem Falle, so scheint es, bringt die Be­schränkung Gewinn.

Mitteleuropa also in diesem Sinne. Keiner der hier besprochenen Staaten war sonderlich groß, geschweige denn mächtig. Mit der Donaumonarchie zerbrach auch ein mehr oder weniger organisch gewachsener Wirtschafts­raum. Unter den Folgen litten alle Nachfolgestaaten, am meisten wahr­scheinlich Österreich. Außer in der Tschechoslowakei herrschten überall landwirtschaftliche Strukturen vor samt allen Problemen, welche sie mit sich brachten. Die Region war mit einem Wort rückständig.

Von Anfang an gab es deshalb auch Überlegungen, wie die jungen Staaten zusammenarbeiten könnten. Frankreich war daran gelegen, einen Cordon sanitaire gegenüber der Sowjetunion zu schaffen. Auf der anderen Seite stand Deutschland – zunächst, nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, nicht als Machtfaktor, sehr wohl aber als bedeutender Markt.

Doch die Zusammenarbeit der neuen Staaten gestaltete sich schwierig. Zwei Faktoren standen im Wege: Zum einen war keiner der neu ge­schaffenen „Nationalstaaten“ wirklich national – in jedem lebten nationale Minderheiten von beträchtlicher Stärke, sodass man eher schon von Viel­völkerstaaten sprechen musste. Diese Minderheiten sorgten für interne Spannungen und gegenseitiges Misstrauen. Dabei spielte auch eine Rolle, dass sich die einen als Gewinner der Nachkriegsordnung empfanden – die Tschechoslowakei etwa –, andere hingegen als Verlierer: allen voran Ungarn. Letztere strebten eine „Revision“ dieser Ordnung an.

Österreich gehörte zwar eindeutig zu den Verlieren, stellte aber keine revisionistischen Gebietsansprüche. Dazu war es zu sehr mit sich selbst beschäftigt, mit seinem eigenen Überleben. Was die anderen Nachfolge­staaten fürchteten, das war einerseits der Anschluss an Deutschland, andererseits eine Restauration der Habsburger. Warum diese so ernst genom­men wurde, derart substantielle Ängste auslöste – besonders, wie es scheint, in Jugoslawien – das kann ein heutiger Leser nur schwer nachvollziehen. Trotzdem vergifteten solche Befürchtungen zusätzlich die Atmosphäre.

Doch standen nicht bloß nationale Empfindlichkeiten einer stärkeren Kooperation entgegen. Da gab’s ebenso einen logischen Fallstrick, wenn man so will: Denn es lag ja auf der Hand, dass die jungen Staaten jene Souveränität, welche sie eben erst und unter großer nationaler Begeisterung errungen hatten – Erfüllung einer Jahrhunderte alten Sehnsucht (wie man damals glaubte) – nicht gleich wieder einschränken wollten, indem sie einem übernationalen Bündnis beitraten. Vielmehr hüteten sie diese Souveränität eifersüchtig, bestanden darauf, als eigenständige, eigenmächtige Staaten zu handeln, und nur als solche.

Aus diesen Gründen lehnten sie alle ganz entschieden jeden Ansatz einer „Donaukonföderation“ ab, wie sie immer wieder ins Spiel gebracht wurde, nicht zuletzt von Frankreich. Was es gab, das war die so genannte Kleine Entente, ein Bündel bilateraler Abkommen zwischen der Tschechoslowakei, Rumänien und dem Königreich Jugoslawien. Sie bestand seit 1920/21. Später betrieb Italien vorübergehend eine engere Zusammenarbeit mit Ungarn und Österreich, festgeschrieben in den Römischen Protokollen von 1934.

Genützt hat das alles nichts, wie wir wissen. Mit der Machtergreifung der Nazis in Deutschland 1933–34 änderten sich die Verhältnisse in Mitteleuropa drastisch. Der Macht des Dritten Reichs hatten die mitteleuropäischen Staaten nichts entgegenzusetzen. Österreich verfiel dem Anschluss, es folgte erst die Amputation der Tschechoslowakei 1938, dann ihre endgültige Zer­schlagung und Unterwerfung 1939. Im Herbst desselben Jahres war Polen dran. Der Rest – nun, man weiß.

Den verbliebenen Kleinstaaten Mitteleuropas blieb nur die Kooperation, um nicht zu sagen Unterwerfung. Ungarn tat sich unrühmlich hervor – in den beiden Wiener Schiedssprüchen ergatterte es große Teile der Slowakei (1938) und später Rumäniens (1940). Ersteren Gewinn könnte man ohne weiteres als Leichenfledderei betrachten.

Doch waren die Ungarn keineswegs allein. Seit 1918 gab’s einen Disput zwischen der Tschechoslowakei und Polen um die kleine Stadt Teschen samt Umgebung – das so genannte Teschener Gebiet. Die Stadt wurde schließlich geteilt (1919). Kaum war das Münchner Abkommen unterschrieben, in welchem der Tschechoslowakei 1938 bekanntlich das Sudentenland entrissen wurde, sah Polen seine Stunde gekommen und besetzte im Einverständnis mit dem Dritten Reich den tschechischen Teil des kleinen Gebietes.

Wow! Was für ein Triumph! Der wieselflinke, bauernschlaue Nationalismus! Denn in der Tat – für sich betrachtet, von Einzelfall zu Einzelfall, ist die nationalistische Logik ja unwiderlegbar: Unser Vorteil, sonst nichts; wir nehmen uns, was wir bekommen, und wenn wir was hergeben sollen, ertönt lautstarkes Wehklagen.

Doch zeigt die Zwischenkriegszeit 1918–1939 nur zu deutlich, wie trügerisch das Erfolgsrezept dieser eng geführten Logik letztlich ist. Sie führte nämlich geradewegs in die Katastrophe: zunächst des Zweiten Weltkriegs, aus dem sich keiner der Nachfolgestaaten heraushalten konnte, ganz im Gegenteil. Und darauf folgte die kommunistische Diktatur unter sowjetischer Dominanz, fast ein halbes Jahrhundert lang. Da konnte von Souveränität, von Unabhängigkeit und Freiheit überhaupt keine Rede mehr sein. Da verloren diese stolzen, so auf ihre Unabhängigkeit bedachten Pseudo-Nationalstaaten viel mehr, als sie durch eine Kooperation je eingebüßt hätten.

Haben sie daraus gelernt? Darüber schreibt Herr Rauscher natürlich nicht – er ist ja Historiker. Der Leser kann sich die Frage trotzdem nicht verkneifen.

Also? Eingedenk der traurigen Erfahrungen im 20. Jahrhundert möchte man solches wohl annehmen. Aber nein: Zumindest die Staaten der so genannten Visegrád-Gruppe, nämlich Polen, die Tschechische Republik, die Slowakei und Ungarn scheinen sich derzeit genau so zu verhalten wie in der Zeit zwischen 1918 und 1939. Aber damit tappen sie nicht bloß erneut in die Falle der engen, allzu schlauen nationalistischen Logik. Dieses Mal tragen sie gleichzeitig bei zur Schwächung, vielleicht gar zur Zerstörung der Europäischen Union. Und damit zerstören sie die einzige Hoffnung für ihr eigenes Überleben als einigermaßen souveräne Gebilde. Teschen lässt grüßen, Herr Morawiecki, Herr Orbán!

Walter Rauscher, Das Scheitern Mitteleuropas 1918–1939 (Wien: Kremayr & Scheriau, 2016).

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