Wenn Pädagogen denken

„Finnlands Schüler sollen fit für den modernen Alltag gemacht werden“, erfahren wir neuerdings (news orf.at 30.05.2017):

Phänomen-basiertes Lernen (PBL) heißt die Lehrmethode, die heuer erstmals landesweit angewandt wird und klassische Unterrichtsfächer irgendwann obsolet machen soll.

Nun ist Finnland bekanntlich so etwas wie das Gelobte Land der Pädagogen, seit es in PISA-Studien regelmäßig exzellent abschneidet. Mit entsprechender Ehrfurcht betrachtet man die Entwicklung seines Schulsystems.

Doch bei aller Hochachtung – es kann nicht entgehen, dass schon die ersten beiden Sätze des zitierten Artikels zwei äußerst gewagte Behauptungen enthalten. Nämlich:

erstens, dass Schüler bisher nicht für den Alltag fit waren, und

zweitens, dass die neue Lehrmethode diesem unterstellten Übel ein- für allemal abhelfen werde.

Erstens wird durch den Augenschein widerlegt. Sowohl in Finnland als auch bei uns sind die allermeisten Menschen durchaus „fit“ für den Alltag.

Bei Zweitens handelt es sich um eine Prognose. Solche kann man natürlich anstellen, keine Frage, seriöser Weise aber nur aufgrund gesicherter Daten – und selbst dann bleibt noch ein kleinerer oder größerer Rest von Unsicherheit übrig. Siehe Wettervorhersage.

Leider bleibt der Artikel solche Daten schuldig. Dafür malt er idyllische Bilder aus dem zu erwartenden Schulalltag:

Wenn Kyllönen mit ihren Kolleginnen und Kollegen Maßnahmen […] plant, macht sie es sich selbst möglichst gemütlich […]. Und ähnlich angenehm und fröhlich soll auch die Lernerfahrung in der Klasse sein.

Weiter kann man sich kaum noch entfernen vom modernen Arbeitsleben, von der Wirklichkeit, die uns umgibt. Unwillkürlich fragt man sich, wie solche Pädagogen unsere Kinder „fit für den Alltag“ machen sollen.

Aber darum soll’s hier nicht gehen. Was mittels PBL vor allem geschult werden soll, so belehrt man uns, das sei die „direkte Beobachtungsgabe“:

Denn wer lernt, genau hinzuschauen, so hofft man in Finnland, fällt später nicht so leicht auf „Fake News“ herein.

Was man ja durchaus akzeptieren könnte – wäre da nicht gleich der nächste Absatz unseres Artikels:

Es wäre ein grober Fehler, den Kindern zu vermitteln, dass es weiterhin „Fakten gebe“, die man nur auswendig zu lernen brauche. Lernen bedeute vielmehr „Denken zu lernen“, sich das Nachfragen anzugewöhnen […].

Als „Fake News“ bezeichnen wir Nachrichten, welche Fakten missachten. Um sie zu widerlegen, braucht’s – ja, was wohl? Richtig: Fakten. Um „Fake News“ überhaupt zu erkennen, braucht’s zunächst einmal Wissen. Mit „Denken“ allein kann man da gar nichts ausrichten, im Gegenteil: Faktenfreies Denken, das ist doch genau das, was die „Fake News“-Produzenten selbst betreiben, oder?

Denken ohne Fakten, ohne Wissen gibt’s überhaupt nicht. Deswegen kann man auch nicht einfach „Denken lernen“, ebenso wenig wie man einfach „Violine spielen“ lernen kann, ohne Noten, ohne Melodien, ohne Üben. Pädagogischen Nihilismus nennt der Philosoph Konrad Paul Liessmann solch irregeleiteten Vorstellungen.

Was natürlich nichts an ihrer Popularität ändert. In der Pädagogik scheint so was möglich zu sein. Vielleicht wären ein paar Fakten halt doch nicht ganz so unnütz? Und vielleicht auch ein bisschen widerspruchsloses Argumentieren?

„Selbst beobachten statt ‛Fake News’ vertrauen“, news orf.at 30.05.2017.

Konrad Paul Liessmann, Theorie der Unbildung: Die Irrtümer der Wissensgesellschaft (München: Piper, 2008), S. 36.

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